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29

Mär

2010

Abschied vom transatlantischen Kapitalismus Shifting Centers: BRIC, Next 11 und die Zukunft von Demokratie und Ökonomie in der neuen Weltordnung

In Mannheim eröffnet heute die erste islamische Bank Deutschlands. Jetzt erst, reibt man sich verwundert die Augen. Volvo ist künftig eine schwedisch-chinesische Marke. Es gibt ein paar Begriffspaare, die unsere Welt zusammen halten, Grundwerte, über die wir eigentlich nicht diskutieren müssen: Gut vs. böse, wahr vs. falsch, real vs. fiktiv und so weiter. Für unseren Glauben an eine zukunftsfähige Weltordnung war auch folgende Gleichung wichtig:

Der Kapitalismus fußt seit gut 200 Jahren auf den Prinzipien einer demokratischen Gesellschaftsordnung. Das Wohlstandsmodell des marktwirtschaftlichen Systems – das begründete lange Zeit unseren Optimismus – hat Demokratie als unverzichtbare Voraussetzung wie ein Blatt Papier immer zwei Seiten hat. Und (diese Erfolgsgeschichte ließ sich anlässlich vieler historischer Ereignisse erzählen): Der Kapitalismus und die Konsumgesellschaft verankerten in vielen Gesellschaften erst eine demokratische Grundordnung. Gerade im Nachkriegsdeutschland brachte er massenhaften Wohlstand und irgendwann dann auch eine Achtung der Demokratie (von Demokratiebegeisterung konnte in den ersten Jahren wahrlich nicht die Rede sein).

 

Doch wir leben im 21. Jahrhundert und die globale Dynamik wird in den nächsten Jahren noch zunehmen: Was wir bis vor kurzem für eine Selbstverständlichkeit gehalten haben, die noch Jahrhunderte Bestand haben wird, wird von der neuen Weltordnung mal eben schnell zur Seite gewischt. Dass der Kapitalismus NUR im Dialog mit westlicher Demokratie funktioniert, gehört ab jetzt in den Mülleimer der Weltgeschichte. Ich möchte hier nicht einen weiteren Abgesang auf den Kapitalismus anstimmen. Aber wir müssen uns darauf einstellen, dass wir schon ganz bald neue Player auf den Weltmärkten erleben werden, die Kapitalismus und Demokratie nicht mehr nach dem westlichen Muster definieren werden. Hybride Wohlstandsgebilde, dynamische, aber auch prekäre neue Mittelschichten, die dem Traum des westlichen Wohlstands folgen, dafür aber Gleichheitsgrundwerte nicht als wichtig erachten werden, dafür zur Not auch mit autoritären Mitteln und nationalistischer Politiker ihre Interessen verteidigen werden. Ein paar Beispiele:

 

Islamische Demokratien: Mit Indonesien (Malaysia und Türkei ebenfalls) erleben wir gerade das Erwachen eines globalen Riesen, 243 Millionen Einwohner, das viertgrößte Land der Erde, drei Mal so groß wie die Bundesrepublik. Durchschnittsalter der Indonesier: 26,8 Jahre, Deutschland: 42,6 Jahre. Geburtenrate (Lebendgeborene pro Jahr auf 1.000 Einwohner): 20,34, Deutschland: 8,34. Indonesien ist einer der neuen Wirtschaftsgiganten und Absatzmärkte des nächsten Jahrzehnts, aber kein lupenreiner demokratischer Staat, „Newsweek“ nennt Indonesien mit der Liebe zum süffisanten Paradox „islamische Demokratie“ http://bit.ly/bwiQIc.

 

Autoritärer Staatskapitalismus: Die Daten für China kann ich mir ersparen und eigentlich auch den Hinweis, dass China alles andere als eine Demokratie nach westlichem Vorbild ist. Aber China hat den Turbokapitalismus als Staatskapitalismus neu erfunden und schert sich wenig um Pressefreiheit, Arbeitsrecht oder die realistische Einschätzung der eigenen Währung. Die westliche Wohlstandswelt hat sich eine Epoche lang über den amerikanisch-europäischen Brückenschlag definiert. Unser Verständnis von Demokratie und Kapitalismus, Wohlstand und Wachstum wurde über diesen Kanal geprägt. Jetzt geht diese Ära zu Ende, ob wir das nun traurig finden oder nicht – Shift happens! 

 

The Scary New Rich - Prekärer Mittelstand: Brasilien, ein Subkontinent, ein weiterer erwachender Riese, der im 21. Jahrhundert seinen Platz auf der neuen Weltkarte suchen wird. In Brasilien gibt es zurzeit eine große Aufbruchsstimmung, eine ehrgeizige Mittelschicht entsteht. Dazu zählen in Brasilien Familien ab einem Monatseinkommen von umgerechnet 400 Euro. Rund 120 Millionen von insgesamt knapp 190 Millionen Brasilianern gehören inzwischen zu dieser Gruppe. Und diese rasant schnell gewachsene Mittelschicht wird ihre Position mit allen demokratischen, pseudodemokratischen und latent autoritären Mitteln zu verteidigen suchen: Nach wie vor belegt Brasilien Platz sieben auf der Rangleiste ungleicher Gesellschaften. 

 

Trendbriefing: Was daraus folgt

* Ebenso wie die verlängerten Werkbänke in Osteuropa, Afrika oder Asien eine Mär sind, ist es auch eine gefährliche Illusion zu glauben, mit den neuen Staaten und Mittelschichten würden uns dankbare Absatzmärkte in den Schoß fallen, die wir nur regelmäßig zu beliefern bräuchten. Mit der Übernahme der Private-Banking-Aktivitäten von ABN Amro in Miami und Montevideo (Uruguay) für 150 Mill. Dollar ist Itaú nach der UBS und Citigroup zur drittgrößten privaten Bank für reiche Klienten in Lateinamerika aufgestiegen.

* Schon jetzt beginnen sich chinesische, indische, russische oder brasilianische Firmen in unsere Unternehmen einzukaufen. Wir werden tatsächlich schneller als es uns lieb ist erleben, dass die ehemaligen Schwellenländer unsere Märkte mitbestimmen und unseren Konsum, unseren Lebensstil, unsere Designsprachen mitprägen werden und nicht nur geduldig die Segnungen der westlichen Welt in ihren Lebensstil integrieren werden. Tata aus Indien kaufte bereits 2008 die britischen Nationalheiligtümer Jaguar und Rover auf. Auch in der Formel 1 ist längst ein indischer Milliardär eingestiegen

* Die Welt im 21. Jahrhundert ist tatsächlich eine flache Welt, insofern der globale Konsument schneller lernt als uns vielleicht lieb ist und nicht mehr mit „Einsteiger“-Produkten abzuspeisen ist. Die Welt im 21. Jahrhundert wird eine multipolare Welt sein, weil noch mehr Staaten (und immer schneller) auf die Weltmärkte stürmen. Gester haben wir noch von dem Boom der BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China gesprochen. Jetzt reden wir bereits über die „Next 11“: Ägypten, Bangladesch, Indonesien, Iran, Nigeria, Pakistan, Philippinen, Vietnam, Türkei, Mexiko und Südkorea. Die Welt wird runder – ob sie auch ausbalancierter und demokratischer wird, ist die Aufgabe, die wir in den nächsten Jahren zu erledigen haben.

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1 Kommentar

  • #1

    Eric B. (Dienstag, 30 März 2010 16:30)

    Wie sagt man so schön "Es ist nicht mehr aufzuhalten", eine Adaption an die neuen "Spielregeln" im globalen Wirtschaftsleben ist daher meiner Meinung nach unvermeidlich.
    Ein "weiter so" wie bisher wird es kaum geben, zu sehr streben neue Nationen an die Spitze und verändern damit die internationale Hackordnung.
    Doch verfolge ich dies eher mit Spannung/Erwartung als mit Angst/Sorge, ich glaube das Veränderung auch immer etwas gutes mit bringen und Veränderungen würde uns auf der Erde gut tun. Nur müssen diese Veränderungen natürlich im positiven Sinne sein und auch in diese Richtung mit aller Macht kanalisiert werden...
    Deshalb find ich das Schlusswort hier:

    "Die Welt wird runder – ob sie auch ausbalancierter und demokratischer wird, ist die Aufgabe, die wir in den nächsten Jahren zu erledigen haben."

    - sehr gelungen und soll als Appell an alle Menschen gesehen werden

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