Di

16

Feb

2010

Wertewandel in der Jugendkultur: Millennials, Gen X, Gen Y, Generation Facebook, iGen – was Jugend und Jungsein im 21. Jahrhundert bedeutet

80 % der Berichterstattung über Jugendliche in den Medien ist negativ. So hat es sich in der veröffentlichten Meinung in der deutschen Presse seit Jahrzehnten zum Ritual verfestigt: Jugend ist eine Problemkategorie. Aber Jugend im 21. Jahrhundert ist anders. Bei den Jugendlichen in den USA vollzieht sich gerade ein dramatischer Wertewandel. In Ansätzen ist eine ähnliche Bewegung auch in Deutschland und Zentraleuropa zu beobachten. Die Rezession http://bit.ly/3xsef0, die Amerikas Jugend viel stärker berührt hat als hier zu Lande, hat hier viele Tendenzen verstärkt. Aber der Grundtrend war schon vorher feststellbar. „Cause and Community“ ist das neue Lebensmuster einer Generation, die ihre persönlichen Sehnsüchte viel stärker an gesellschaftliche, ökologische und wirtschaftliche Veränderungen knüpft als die Generationen vor ihnen. Sie sind optimistisch und idealistisch, aber nicht weil sie den ganzen Tag die rosarote Brille tragen, sondern weil sie an die Selbstwirksamkeit ihrer Fähigkeiten glauben.

Jugendkultur nach dem Ende der Jugendkulturen

Schaut man auf die Millennials, die Generation Y, die Generation-Facebook oder die iGen, wie sie gerade in der deutschen und amerikanischen Forschung bewertet wird, ist eines auffällig: „There is no such thing as the average Joe.“ Es gibt den Durchschnittsjugendlichen nicht mehr, es gibt auch den typischen Rebell nicht mehr und auch nicht den angepassten Jungspießer - weil es keine konsistente Jugendkultur mehr gibt. Wie es der Jugendforscher Klaus Farin kürzlich formuliert hat: „Neue Trends werden so schnell von Medien aufgegriffen und zum Mainstream geformt, dass das langsame Heranwachsen einer großen Jugendkultur kaum mehr möglich ist. Damit eine Jugendkultur so groß werden kann wie etwa HipHop, müssten sich die Medien mit dem Phänomen kontinuierlich drei Jahre beschäftigen. So viel Zeit gibt es aber nicht mehr. Deswegen wird es kleinteiliger und schnelllebiger - was ja nicht schlecht sein muss.“   

 

Wir sollten aber auch nicht mehr auf selbstgehäkelte Generationen-Typologien hereinfallen. Generation Y, Millennials, iGen – alles Schall und Rauch, es geht um ein authentisches Verständnis der Jugend. Verabschieden wir uns von der Generationengläubigkeit. Das Leben der Menschen im 21. Jahrhundert und die Lebensstilentscheidungen, die sie treffen, wird viel stärker von Megatrends (Digitalisierung, Neo-Ökologie, Wissensgesellschaft, Globalisierung, Familie 2.0, Individualisierung...) und ihren dynamisch sich wandelnden Lebenssituationen geprägt als durch ihre Generationenzugehörigkeit.  

 

Auffällig am Jungsein im 21. Jahrhundert ist eine fast dramatisch zu nennende Sehnsucht nach Werten und das Bedürfnis, beruflichen Erfolg und privates Glück mit gesellschaftlichem Engagement zu verbinden. Einige Belege aus der amerikanischen Forschung:

1. Wie lassen sich Werte verkörpern: Einflussreiche Untersuchungen vergleichen den optimistischen und idealistischen Spirit der Jungen schon jetzt mit dem ihrer Großeltern-Generation, der Kriegsgeneration.  Der bedeutsame Unterschied liegt darin: Im Gegensatz zu ihren Großeltern nehmen sie diese Werte nicht im strengen System einer Pflichtkultur auf, die 20-Jährigen begreifen ihre Werteorientierung auch nicht als Traditionalismus – sie möchten ihre Werte mit Überzeugung selbst verkörpern. Folgende Werte werden zur Zeit bei den Jugendlichen jenseits der 20 Jahre immer wieder aufgerufen: 

> Authentizität, 

> Achtsamkeit, 

> Solidarität, 

> Familie, 

> Balance, 

> Dankbarkeit, 

> Zurückgebenkönnen, 

> Selbstverwirklichung, 

> Kreativität und vor allem 

> Sinn 

Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass der LOHAS-Lebensstil auch bei jungen Menschen eine zentrale Rolle spielt, hier ist er.   

2. Jugend 21: Ins Gelingen verliebt: Carol Phillips, die vielleicht einflussreichste Jugendforscherin in den USA, beschreibt die 20somethings so: Während sich die heute 35- bis 45-Jährigen vor allem von ihren Altersgenossen unterscheiden wollten, treten die heute 20-Jährigen, so Phillips, mit einer fast missionarischen Überzeugung auf, die Welt verändern zu können. Wie auch in Deutschland zu beobachten, leben sie häufig noch mit den Eltern zusammen, bzw. finden Formen, unter einem Dach mit den Eltern zu leben, dabei aber nicht mehr „das Kind von früher“ zu sein. Die Jahrgänge der heute 20-Jährigen, so Phillips weiter, nutzen Technologien intensiv und in ausnahmslos allen Lebensbereichen. Sie habe hohe Ansprüche an Service und an die Authentizität von Marken.

3. Technologien der Selbstverwirklichung: Die 20somethings leben stark Technologie-getrieben – weil sie merken, dass neue Technologien – allen voran natürlich Socialmedia - Sozio-Technologien sind, die es erlauben, sich zu vernetzen und eigene Visionen und Befindlichkeiten zu artikulieren. 

Accenture 2010: Technik als Selbstverwirklichungs-Technologie Accenture 2010: Technik als Selbstverwirklichungs-Technologie

4. Jugend 21: Wenn Klischees ins Leere laufen: Die Soziologen Winograde und Hais haben die gängigen Vorurteile entkräften können, die den Jungen gegenüber in Anschlag gebracht werden. Sie sind weder pathologisch egozentrisch, noch durch exzessiven Internet-Gebrauch für soziales Leben ruiniert, noch erfüllen sie das Klischee der apathischen, unpolitischen Jugend, die im Alter ja doch nur Republikaner wählt.

5. Nicht nur kreuzbrave Obama-Jünger: Auch wenn sich die Millennials bei der Obama-Wahl mit 52 % für den neuen Präsidenten (30 % für Republikaner) entschieden haben, zeigten sie gleichzeitig großes Interesse für eine konservative Steuerpolitik.

6. Die Neubewertung von Erfolg: „Cause and Community“ sind die neuen Sehnsuchtshorizonte der Jugend. Erfolg wir bei den Jugendlichen nach neuen Kriterien anders bewertet als noch in den 1990er Jahren. Vom „Badass“ zum engagierten Gutmenschen, das beschreibt den Mentalitätswandel der jungen Menschen. Während vor Jahren auf MTV das politisch unkorrekte „Jackass“ cool war, sorgt auf dem Musikkanal jetzt „The Buried Life“ für Orientierung und jugendliche Aufbruchstimmung. In der MTV-Soap erfüllen sich vier Jungs 100 Träume, sie tilgen die Schulden ihrer Eltern und spielen Basketball mit Obama – jugendliche Erfolgsmodelle der nächsten Jahre.

7. Keine digitalen Deppen: Die 20somethigs, die gerne auch als Digital Natives durchgehen, leben bewusst offline, dabei haben aufmerksame Zeitgeistbeobachter längst festgestellt, dass diese Alterskohorte nicht als Netzzombies enden möchte. Was allerdings immer wieder missverstanden wird: Die jungen Mediennutzer nehmen die Schwelle zwischen online- und offline-Welt nicht mehr so stark wahr, das ständige Changieren ist für sie zur Normalität geworden. Daraus sollte man jedoch nicht die Schlussfolgerung ableiten, dass sie sich den Medien ausliefern - ganz im Gegenteil. Sie sind das treibende Gesellschaftssegment, das den nutzerzentrierten Medienwandel vorantreiben wird. 

8. Wertewandel der Popmusik: Und da  gibt es schließlich noch Grunger wie Pearl Jam oder eine Songwriterin wie Sherry Crow, die aus dem revoltierenden Pop einen umweltengagierten Diskurs, aus abfeiernden Jugendlichen Green Groupies machen.

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