Mi
03
Feb
2010
Die Post-Informationsgesellschaft: Internet, Google, Socialmedia, die Zukunft der Information und was Aufklärung im 21. Jhdt. bedeutet
Das digitale Medienzeitalter ist durch die Emanzipation der Inhalte von den klassischen Trägermedien gekennzeichnet. Weltnachrichten sind nicht mehr nur dem Radio, der „Tagesschau“ oder der Tageszeitung vorbehalten, Popmusik findet in unendlich vielen Medien statt, nicht nur auf der CD. So habe ich es 2005 mit Kollegen formuliert. Jetzt stellen wir fest, dass sich mehr noch die Nutzer von den Medien emanzipieren und deren Inhalte auf völlig neue Weise aneignen.
Es macht deshalb Sinn, von dem Ende der Informationsgesellschaft zu sprechen. Frank Schirrmacher hat ein feines Gespür für Strömungen. Jedenfalls war sein Buch über das aktuelle Scheitern der Informationsgesellschaft der Auslöser dafür, dass die Internet-/Socialmedia-Diskussion eine neue Ebene erreicht hat. Man merkt, wir verändern unsere Position, unsere Selbstbeschreibungen („Wie gestalten wir unsere Realität, wie gestalten wir Zukunft“) müssen an die gesellschaftliche Wirklichkeit angepasst werden. Doch während Schirrmachers Kassenschlager die Konturen einer Deformationsgesellschaft an die Wand malt, sollten wir lieber fragen, was nach der Informationsgesellschaft kommt.
Ein paar Antworten und Beobachtungen dazu:
1. Nach der Epoche der Information droht nicht die große gesellschaftliche De(sin)formation. Aber wir müssen jetzt beschreiben, wie die neue Sharing- und Teilhabe-Kultur konkret aussehen soll
Große Begriffe werden immer dann in Stellung gebracht, wenn sich in der Gesellschaft eine Veränderung ankündigt und von vielen Menschen gefühlt wird, aber die Konsequenzen einstweilen offen und beängstigend sind. In den vergangenen Wochen war häufig von Aufklärung die Rede, der Frage, was im Zeitalter von Google und Informationsbeschleunigung denn noch „vernünftig“ ist. Das unschuldige Wort „Information“ klingt plötzlich seltsam anachronistisch, weil wir alle eine zumindest diffuse Vorstellung davon haben, dass – bis vor kurzem – Informationen von einem autorisierten Sender zu einer bedürftigen Masse transportiert wurden. Seit Google und Socialmedia ist das längst nicht mehr so: Eine Revolution hat stattgefunden, die Expertokratie der klassischen Medien ist beendet. In den Socialmedia werden – wie auf einem Marktplatz – Informationen zwischen den Menschen (den ehemaligen Rezipienten) getauscht, begutachtet und verworfen. Die unterschwellige Frage, die sich stellt: Sind wir am Ende der unidirektionalen Informationsgesellschaft angekommen. Und die Angst, die jetzt allenthalben zu spüren ist, führt zu der anschließenden Frage: Werfen wir mit der Informationsgesellschaft auch das Erbe der Aufklärung, der Vernunft und unserer Jahrhunderte alten bürgerlichen Kultur über Bord?
2. Inhalte werden künftig nicht mehr rezipiert, sondern angeeignet und verkörpert. Auch das könnte man als De(sin)formation bezeichnen, trifft aber nicht den Kern. Indem wir via Handy und Smartphone auf Inhalte zugreifen, transformieren und individualisieren wir sie
Pseudo-Trends, künstliche Hypes und vorübergehende Moden haben beispielsweise bislang die Diskussion um die mobilen Gadgets dominiert. Das vergebliche Warten auf UMTS seit der Lizenzversteigerung 2000, die nervtötende Heilserwartung eines mobilen Marketings in den Fachjournalen, alles das hat nicht verhindert, dass wir jetzt gerade den Durchbruch der mobilen Geräte erleben. Und jetzt ist es Zeit, mobile Kommunikation in den Zukunfts-Diskurs zu integrieren. Kein Medium ist näher an unserer Körperlichkeit und unseren alltäglichen Befindlichkeiten als das „Handy“. Kein Medium wird in den nächsten Jahren unsere Lebensstile derart grundlegend verändern wie das mobile Internet und die mobile Kommunikation. Ein paar Zahlen mögen dies verdeutlichen: Mehr als die Hälfte der Internetzugriffe finden mittlerweile über mobile Endgeräte statt. 2009 wurden mehr als 1,1 Milliarden Mobiltelefone verkauft. Jeder fünfte Mensch auf der Welt (Kinder und Greise mitgerechnet) benutzt ein Nokia-Handy.
3. Machen wir uns bewusst, dass nicht das Abdanken eines historischen Zeitungsvertriebsmodells über unsere Zukunft entscheidet, sehr wohl aber der Zustand unserer Öffentlichkeit. Öffentlichkeit ist ein unveräußerliches Gut. Und die Zukunft der Zeitung wird im Internet stattfinden, was die Verlage innerhalb der nächsten 20 Jahre bis zur Unkenntlichkeit verändern wird
Jeff Jarvis gehört im Moment zu den meist zitierten Medienwissenschaftlern der Welt. Jarvis hat nicht nur ein wichtiges Buch über Google geschrieben, er ist auch mit der kühnen These aufgetreten, dass wir in der Zukunft eine Link-Ökonomie erleben werden, keine Inhalte-Ökonomie mehr. Was für die deprimierten deutschen Großverleger zwar wenig Trost bringt, aber Jarvis gelingt es immerhin, den aktuellen Trend zu identifizieren und den Finger in die Wunde zu legen. Der Trend ist mittlerweile unumkehrbar: Wir bewegen uns in einer Wolke schnell zirkulierender Informationen und News-Bites. Zwar ist immer noch nachvollziehbar, wer der Urheber bestimmter Inhalte ist. Aber die Hegemonie der Redaktionen ist dahin. Und die Nutzer (die vor kurzem noch passive Leser waren) sind verständlicherweise nicht mehr bereit, dafür Geld zu bezahlen. Die Wunde, die dabei aufgerissen wird: Mit dem Informations-Monopol ist uns zugleich das Geschäftsmodell der Massenmedien abhanden gekommen, das uns von der Epoche der Aufklärung bis heute getragen hat. Jarvis hat sich zum Advocatus Diaboli der Einsicht gemacht, dass dieses Geschäftsmodell erschöpft ist. Der kühn anmutende Verweis darauf, dass wir künftig nicht mehr nur lesen, sondern Links tauschen werden, führt aber auch zu keinem neuen Geschäftsmodell. Jarvis verweist damit lediglich auf die neue Nutzungsweise, die durch das Internet entstanden ist und auf Leuchtturmprojekte wie Glam (http://www.glam.de/) oder zarte Pflänzlein des hyperlokalen Journalismus’, die jedoch keine digitale Alternative für Tageszeitungen darstellen. Ich möchte hier nicht noch einmal die banale Formulierung „vom Verlag zum Medienhaus“ bemühen. Aber das Alleinstellungsmerkmal eines neuen Geschäftsmodells für Tageszeitungen und den so genannten Qualitätsjournalismus wird ein uraltes sein: Orientierung schaffen, Trends (in Wirtschaft und Gesellschaft) analysieren und die Debattenqualität hoch halten.
4. Es geht um eine realistische Einschätzung der Weltmacht Google. Der Einfluss auf unseren Umgang mit Wissen ist zu groß. Indes nutzt es nichts, das Phänomen mit dem Ideologie-Begriff des 20. Jahrhunderts zu bekämpfen
Es gibt keinerlei Anzeichen, Google für eine finstere Macht zu halten. Internet-Prophet Lanier (wie jeder Guru in sein idealisiertes Objekt verliebt und bereit es im gleichen Moment zu zerstören) und mit ihm viele in der Blogosphere, sprechen gerne vom Maoismus, der die Supermächte Google und China eint. Aber wir sollten künftig stärker bewusst machen, dass Google keine neutrale Suchmaschine ist, sondern ein problematischer Filter. Wie dieser Filter unser Wissen im 21. Jahrhundert zurichtet, haben wir noch nicht verstanden. Deswegen ist es ratsam, hier auch wieder den Begriff der Ideologie in Stellung zu bringen und an die –ismen des 20. Jahrhunderts zu erinnern. Deutschlands jüngster Philosophie-Professor, Markus Gabriel, hat mit klugen Worten darauf hingewiesen. Google ist nämlich nicht pure Anhäufung von Information: „Zwar weist das Internet durchaus Ding-an-sich-Qualitäten auf - es ist anonym, unerkennbar, unüberschaubar -, aber wir wissen, dass im Hintergrund ideologische Kräfte walten. Das sieht man, wenn man sich Google in unterschiedlichen Ländern ansieht. In China und Iran sind die Filter anders und daher auch die verfügbare Menge an Informationen und deren Anordnung.“
5. Kritik, kritisches Bewusstsein, ein wacher Zeitgeist navigiert uns schon seit Jahrhunderten durch gesellschaftliche Umbrüche. In der nutzerzentrierten Medienwelt des 21. Jahrhunderts stehen die Chancen, Unterscheidungsvermögen und Kritikfähigkeit zu kultivieren, eigentlich gar nicht so schlecht
Im Grunde gibt es ein Zukunftsprinzip, das – wir kommen zum Anfang zurück – eine Haupttugend der Aufklärung beschreibt. Alexander Kluge hat das jüngst mit dem simplen Begriff der Kritik beschrieben: „Ich glaube Menschen zeigen angesichts des Internets zwei Reaktionen. Zum einen sind sie überrascht über diesen Tsunami an Informationen, der aus dem Netz auf Sie zurauscht. Sie sind überwältigt. Und eigentlich in der gleichen Sekunde bilden sie eine Gegenreaktion. Um das in ein Gleichnis zu fassen, das mir Dirk Baecker beigebracht hat: Als Gutenberg die Druckkunst erfand, wurde Mitteleuropa überschwemmt mit Pamphleten. Sie waren meist religiösen Inhalts oder es ging um die Aufhetzung zum Bürgerkrieg. Das waren hochideologische, irrtumbehaftete Massen von Buchstaben. Und diese Entwicklung hat zugleich eine Gegenbewegung, die Kritik hervorgebracht, die reicht bis zu Immanuel Kant, der nichts anderes macht, als das, was man wissen kann, von dem zu unterscheiden, was man nicht wissen kann.“ Wir müssen uns klar machen, dass Kritik die Tugend ist, die sich bereits in der Vergangenheit bewährt hat, um Unterscheidungsvermögen aufrecht zu halten und die für die Zukunft die richtigen Entscheidungen zu treffen. Noch einmal Kluge: „Und hinter all den Daten, die im Internet stecken, befinden sich die Fakten, und die sind deutlich unübersichtlicher als das Internet je sein kann. Insofern ist das Internet nur ein Bild für eine übermächtige Faktizität, gegen die wir uns etwa seit Verdun 1916 in Gegenwehr befinden. Der Überhang des Objektiven ist dabei als Wahrnehmung nicht neu, neu ist aber, dass ich das Ganze mit so vielen Teilnehmern erlebe. Durch das Internet - die Teilnehmerzahlen sind ja sensationell - ist eine Verbindung von Menschen möglich, die fast genauso stark ist wie die Zunahme der Repräsentanz des Objektiven. Man muss also vor dem Internet keine Angst haben.“
Epilog: Wie man hört, will jetzt auch die Bundesregierung zum Thema Internet forschen lassen. Das kommt natürlich zehn Jahre zu spät. Es ist jedoch höchste Zeit, dass sich Gesellschaft und Staat mit der Medienrevolution beschäftigt. Denn dabei geht es nicht nur um kriselnde Märkte und Branchen, sondern um entscheidende Weichenstellungen für Kultur, Gesellschaft und Werteentwicklung. Wer für die Abwrackprämie fünf Milliarden Euro spendiert, der sollte für den Umbau unserer Kommunikationslandschaften ungleich mehr investieren. Der anstehende Strukturwandel wird speziell für die Verlage zu heftigen Verwerfungen und Veränderungskrisen führen. Wir brauchen keine Schutzräume für die neuen Medien in der Post-Informationsgesellschaft, aber vielleicht Treibhäuser, die den Wandel beschleunigen helfen.
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- Lesetipps für den 5. Februar | Blogpiloten.de - das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0 (2010-02-05 09:16:44)
5 Kommentare
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#1
Hallo Herr Wenzel, genau das Thema treibt mich im Moment sehr um. Auch mit dem Auslöser Schirrmacher, aber mehr noch in Verbindung mit dem iPad, das die Mechanismen des Internets stark verändert. Aus meiner Sicht noch viel stärker verändert als Google. Sehr bedenkenswert finde ich, dass auch hinter der Google-Suchmaschine Ideologien sind, also eine sehr viel stärkere Kontrolle als man zunächst meint. Gleichwohl ist das Prinzip Apple ein noch viel stärkere Kontrolle.
Mich würde wirklich, wirklich interessieren, was Sie zu folgenden beiden Blogbeiträgen sagen
http://blog.talkabout.de/2010/02/02/der-angebliche-kampf-apple-gegen-google-als-kampf-zwischen-kontrolle-und-freiheit
http://blog.talkabout.de/2010/01/31/das-ipad-als-ausdruck-von-konsumentenbedurnissen-oder-passiv-fett-und-faul-im-internet-schlaraffenland/
... die beide eigentlich auf einander aufbauen und sich mit der Frage (laienhaft) auseinandersetzen, wie wir mit der zunehmenden Komplexität umgehen: Sie kontrollieren und reduzieren (Prinzip Apple/Schirrmacher) oder sie organisieren und besser vernetzen (Prinzip Google).
Würde mich sehr freuen. -
#2
die teaser zu den einzelnen punkten sind zu lang. die texte dahinter sind auch nicht fokussiert und kommen nicht direkt auf den punkt. ich finde es anstrengend diese - sicher auch guten - texte zu lesen. scnr. nicht bös gemeint.
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#3
...und 50 zeilen in schrägschrift...sorry, das ist schwierig.
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#4
hi timster, und danke für deinen kommentar,
ich fürchte allerdings, dass auch durch das netz die welt nicht einfacher wird. schau dir nur die mehrzahl des wirtschaftsjournalismus an. da wurde jahrelang blind an das geglaubt, was das management aus der industrie sagte: einfache parole, mit dem brustton der überzeugung und im sicheren glauben, im besitz der wahrheit zu sein."content ist king", "der markt richtet es schon", web 2.0 ist kein geschäftsmodell und keine innovation"...alles trugschlüsse. ich habe mir für dieses blog vorgenommen, meine leser nicht auch mit den leicht konsumierbaren "wahrheiten" abzuspeisen. also: die "teaser" sind keine teaser, sondern thesen. würde mich freuen, wenn du dran bliebest. herzlich eike -
#5
Vllt interessiert dazu auch dieser Text, der etwas länger ist, aber dieselbe Thematik etwas anders pointiert:
http://www.blogpiloten.de/2010/02/10/digitale-seuche-plaque-netz-algorithmus/ 