So

31

Jan

2010

Was der Apple-Hype über unsere Gesellschaft und unser Technikverständnis verrät

Der Erwartungs-Kult um den Apple lässt sich damit erklären, dass die meisten Menschen spüren, dass wir an einer Bifurkationslinie angekommen sind: Wir merken, vieles funktioniert nicht mehr, das 20. Jahrhundert ist schon lange zuende und wir sind noch nicht so richtig im 21. Jahrhundert angekommen. Die Anzeigen-, Werbe- und Printkrise dauert schon viel zu lange, gut zehn Jahre mittlerweile. Wir reden seit fast 20 Jahren über den postfossilen Motor...Insofern waren die vergangenen zehn Jahre eine Enttäuschung, weil Innovationen ausblieben.

Von der Nerd-Nörgelei auf das Plateau der Produktivität

Nach wie vor ist es aber so, dass wir in unserer Gesellschaft von technologischen Sprüngen abhängig sind. Apple hat mit iPod und iPhone gezeigt, dass es Märkte neu definieren kann. Apple beliefert nicht bestehende Märkte, sondern definiert Märkte neu. Und das war für rund zehn Jahre unsere Erwartungshaltung gegenüber der kreativen Freakbude aus Cupertino. Jetzt hat Apple einen weiteren kühnen Sprung in ein neue Phase der Medienevolution gemacht: Seit gut zwei Jahren werden mehr Laptops als PCs produziert – Apple hat mit dem iPad eine neue Dimension der digitalen Devices erschlossen – dabei aber den Computer als digitale Coffetable-Attraktion heruntergebrochen.

 

Aber machen wir uns nicht dümmer als wir sind: Die Erwartungen, die wir gegenüber dem iPad aufgebaut haben, waren definitiv nicht zu erfüllen. Die Nerd-Nörgelei, die bei der Präsentation sofort in Realzeit einsetzte, war vor diesem Hintergrund unausweichlich. Sie fußt aber auch darauf, dass die Nerds merken, dass sie künftig zu einer aussterbenden Spezies gehören werden – der iPad macht das Leben in der digitalen Welt zum Normalfall: „Ich brauche keine schwarze Designerbrille mehr, um einen Apple-Computer unterm Arm tragen zu dürfen“. Mit den Socialmedia und Facebook, Twitter etc. passiert gerade ja etwas Ähnliches: Wir spüren den Veränderungsreiz, bauen überhöhte Erwartungen auf und landen im Tal der Enttäuschungen, was uns insofern auch wieder auf den Boden zurückholt, als wir merken, dass uns die anstehende Veränderung – gottseidank – nicht völlig den Boden unter den Füßen wegzieht. Kathrin Passig hat ironischer Weise der alten Dame ARD über den Hype-Zyklus und „die Welt nach Facebook“ ein schönes Interview gegeben.

 

Die iWorld wird uns nicht erlösen – gut so!

Auf die Finanz-Depression, so haben wir heimlich gehofft, folgt (wie beim iPod) ein weiteres Apple-Erweckungserlebnis – und am Ende fällt uns ein neuer Deus ex machina in den Schoß. Dabei waren auch vorher die Innovationen von Apple keine Hexerei, vieles haben wir uns bei Apple schöngetrunken und -geschrieben: 

 

* Der iPod (zusammen mit dem eigentlich noch genialeren iTunes) hat die Musikindustrie auf den Kopf gestellt. Apple war zum Zeitpunkt des Launches – kurz nach 9/11 – ziemlich mausetot. Aber es war ein Meisterstück und an Kühnheit kaum zu überbieten, wie Jobs die Plattenmajor in die iTunes-Logik gelockt hat.

 

* Das iPhone hat den Traum vom mobilen Kommunikationsmittel wahr werden lassen, wobei das schicke Smartphone bislang vor allem auf den reifen Märkten in Nordamerika und Westeuropa funktioniert (das totgesagte Blackberry feiert Wiederauferstehung in jungen Märkten wie Indonesien, Südamerika und in UK). 43 % der jemals aktivierten iPhones wurden bislang in den USA über den Netzbetreiber AT&T zugelassen.  

 

* Das iPad macht eher dem Fernsehen den Garaus als dass es die Laptop-Industrie killt. Dies aufgedunsene iPhone animiert eher zum Schauen, Zurücklehnen, Blättern und Rezipieren, als dass es die Kreativen anspricht. Insofern trifft die These des brillanten Nicholas Carr nicht zu: Das iPad wird die Laptops nicht ablösen, es ist – ganz anders als das iPhone – kein Produkt für den Early-Adopter-Markt. Ich wundere mich ein bisschen, mit welcher Inbrunst das Ende des Laptops herbeigesehnt wird, die praktischen Klapp-Computer mit geräumiger Tastatur werden definitiv nicht vom Markt verschwinden (und auch nicht die QWERT-Handys, siehe die Investitionen in Tastaturhandys Nokia und Blackberry)

 

Was der Apple-Event dieser Woche aber ebenfalls zeigt: Wir stehen am Ende der Industrialisierung und der Economies of Scale. Die technologischen Durchbrüche der nächsten Jahre müssen digital-ökologische Durchbrüche sein - oder sie sind als Innovationen nichts wert. Unsere Märkte erhalten gerade ein neues Betriebssystem: Wir wechseln vom Management-Kapitalismus (der angestellten Steuerungselite des 20. Jahrhunderts) in den Konsumenten-Kapitalismus. Ab sofort heißt es nicht mehr nur, der Kunde ist König (eine peinliche und hilflose Floskel), sondern wir treten ein in das Zeitalter der kooperativen und ko-kreativen Produktion.

 

Unsere unmittelbare Technologie-Zukunft

* Ende der Zauber-Ökonomie: Wovon wir uns freimachen sollten, ist, uns wieder einmal Ersatzheilige zu suchen und auf technogene Sofort-Erlösung zu hoffen. Peter Sloterdijk hat Harry Potter zum Sinnbild der Blasenökonomie der vergangenen 20 Jahre erklärt: Gewinnmargen, so die verflossene Illusion, lassen sich mit Zauberhand beliebig skalieren (Ackermann als gelehriger Zauberlehrling). Es geht aber nicht um Doubledigits, sondern um neue Ökonomie, eine „dritte Moderne“ (folgt man Ulrich Becks Logik), die Ökologie und Ökonomie in eine neue Konstellation bringt, eine neue Technikbegeisterung auslöst und den Konsumenten nicht mehr als pawlowschen Hund für dumm verkauft.

* Plateau der Produktivität: Was wir in der Technologie-Zukunft brauchen, sind keine Zauberer (und abgezockte Zauberlehrlinge), sondern kühne Abenteurer und Navigatoren, die mit Pioniergeist und Realismus die nächste Modernisierungsphase einläuten. Wie es Gardener in seinem Hype-Zyklus als Happyend beschreibt, sollte auf dem Hype die Rückkehr an die Arbeit folgen. Wir müssen jetzt das „Plateau der Produktivität“ betreten und ausbauen. Dabei sollten wir nicht auf Heilsbringer warten, sondern endlich einmal den Wandel in seinen Möglichkeiten früher erkennen als wir es bislang getan haben. Dafür müssen wir schnell aus dem Tal der Enttäuschung heraus, uns unsere nerdige Nörgelei abschminken und digitalen Kapitalismus mit der neoökologischen Technologiewende verschmelzen. 


Gardener: Hype-Zyklus Gardener: Hype-Zyklus

* Drei Zukunftsversprechen: Wir halten mit der Digitalisierung unserer Inhalte, ja unseres Denkens, der postfossilen Energiewende und dem Green Shift auf den Konsummärkten drei wesentliche Errungenschaften in Händen, die unsere Lebenswelten in den nächsten 30 oder 50 Jahren grundlegend transformieren werden. Schon heute beschreiben die unter 40-Jährigen eine völlig neue Autokultur, die kaum noch der Freie-Fahrt-für-freie-Bürger-Ideologie unserer Eltern ähnelt. Die Tageszeitungen werden nicht sterben, sie werden als digitaler Phönix aus der Asche weiterhin eine wichtige intellektuelle Funktion in unserer schnelldrehenden Welt behalten (allerdings sollten sie sich bewusst werden, dass sie eine intellektuelle Funktion haben und den Anzeigenopportunismus endgültig drangeben). Als Steve Jobs diese Woche sagte, er halte mit dem iPad das Internet in seiner Hand, hörte sich das so an, als halte er die Zukunft in der Hand. Aber seien wir realistisch: Apples iPad wird dabei eine Lösung sein, aber keine Erlösung bieten.

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