Do

17

Dez

2009

Schluss mit Schlussstrich-Diskursen und dem typisch deutschen Zyniker-Feuilleton! Anmerkungen zu unserem Veränderungsbewusstsein anlässlich des Buches von Kathr

Ich finde Kathrin Hartmanns Buch „Ende der Märchenstunde“ erwähnenswert, weil es eine These attackiert, die mich ebenfalls beunruhigt.

Die These lautet: „Wir brauchen als LOHAS immer nur ordentlich das Richtige zu konsumieren („wir“ können uns das ja leisten), und dann wird schon alles gut.“ Genau das hatten wir nicht im Blick, als wir 2002 (vor gefühlten 100 Jahren, warum kommt die „Märchenstunde“ erst jetzt?) angefangen haben, uns mit den LOHAS zu beschäftigen. Und ich bin ein vehementer Gegner der These, wonach wir durch möglichst zügellosen Öko-Konsum und Ablass-Hedonismus die Welt retten könnten. Eine solche Sichtweise, die im Umfeld des LOHAS-Trends unglücklicherweise entstanden ist, ist naiv und weltfremd, weil sie die politischen und sozioökonomischen Prozesse den „anderen“ überlässt. Meine am meisten gebrauchte Formulierung, um die LOHAS zu erklären, ist nach wie vor: LOHAS ist keine vorübergehende Mode, auf die sich schnell zurechtgestrickte Zielgruppenkonzepte übertragen lassen. LOHAS ist eine gesellschaftliche Veränderungsbewegung, die grundsätzliche Fragen aufwirft: Wie wollen wir morgen leben, wie wollen wir in Zukunft konsumieren, was ist uns in der komplizierten Welt des 21. Jahrhunderts wirklich wichtig.

 

Kathrin Hartmanns Buch zu den LOHAS ist ein Buch aus dem 20. Jahrhundert, weil es Lager aufmacht, die gar nicht existieren (oder nicht interessieren), und einen wichtigen gesellschaftlichen Konflikt (die Zukunft unserer Gesellschaft) auf die Lifestyle-Ebene verlagert (ihr Tenor: die Neo-Ökos sind gelangweilte Schickis 2.0), wo er aber nicht hingehört. Mir geht es nicht darum, zu entscheiden, wer Deutschlands Super-Öko ist, ich möchte gesellschaftliche Veränderungen beschreiben und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen. Kathrin Hartmann entfacht dagegen einen stylishen Glaubenskrieg um den „richtigen Öko“ („wer ist wirklich cool und konsequent?“). Sie gibt sich damit als Stil- und Formkritikerin zu erkennen, wie ich es aus der Lifestyle-Zeitschrift „Neon“ kenne, die Lifestyle-Debatten (die „richtige“ Trainingsjacke, das „richtige“ Gemüse, der „richtige“ Sex, das „richtige“ Unglücklichsein...) für letztinstanzlich und politisch erklärt, bei wirtschaftlichen Zusammenhängen jedoch die Nase rümpft. Diese feuilletonistische Kritik kann man sich im Lifestyle-Journalismus leisten, sie scheitert aber bei der Beschreibung komplexer gesellschaftlicher Phänomene. Außerdem sollte es zu Beginn des 21. Jahrhunderts um etwas anderes gehen als um Geschmacks-Kriege. Nämlich darum, wie wir Veränderungen in einer immer komplizierteren Welt organisieren. 

 

Im Literaturteil der „Zeit“, ist das Buch, wie ich meine, angemessen beurteilt worden. Ich skizziere hier vier Thesen, die immer wieder auf „Ende der Märchenstunde“ zurückkommen, aber vor allem ein Licht darauf werfen, wie wir mit gesellschaftlichen Veränderungen umgehen und Meinungsbildung betreiben:

 

1. Mit zwei Komponenten zum Empörungs-Bestseller: die „Bohlenisierung“ der Bücher

Die Essenz von Hartmanns Buch ist leider die übliche (und darüber hinaus noch sehr deutsche) Feuilleton-Abrechnung mit einem gesellschaftlichen Diskurs. Die einschlägige Rezeptur: 1.) Ich warte solange, bis sich eine umfängliche Diskussion um einen Gegenstand herumgeschlungen hat, suche mir dann die empörungswahrscheinliche Gegenposition und erreiche damit folgendes: 2.) Ich erziele schnelle Aufmerksamkeitsreflexe gerade in der Tagespresse und seiner Zeitgeistabteilung, dem Feuilleton. Wir leben in Zeit der verschärften Aufmerksamkeitskrisen, Aufmerksamkeit ist das, was wir alle am wenigsten haben. Die Buchverlage leiden besonders darunter (oder vermeinen das zumindest, weil sie als Uraltmedium unter besonderem Innovationsdruck stehen), und deswegen haben wir seit fünf oder sechs Jahren die „Bohlenisierung“ der Buchverlage. Spätestens seit Dieter Bohlens Bestseller „Nichts als die Wahrheit“ wissen wir, dass sich der Buchmarkt auch als millionenschweres Panoptikum umfunktionieren lässt. Die Kehrseite: Kein wissenschaftlicher Verlag kommt mit seinen Produkten mehr in den Feuilletons der relevanten Tageszeitung, Buchkritiken langweilig - und deswegen muss eigentlich jedes Buch, das Leser erreichen möchte, mit halsbrecherischen Titeln wie „Schluss, Ende, Aus...“, „Die XY-Lüge“ usw. antreten. In welcher Reiz-Reaktionskultur wir leben sei nebenbei auch noch daran verdeutlicht, dass es ausreichte, das eher oberflächliche Buch von Richard David Precht („Wer bin ich – und wenn ja, wie viele“) bei Elke Heidenreich für ein paar Sekunden in eine öffentlich-rechtliche Fernsehkamera zu halten, um den Autor zum „öffentlichen Philosophen“ mit Millionenauflage zu machen.

 

2. Negativität führt zu Standpunktlosigkeit, Standpunktlosigkeit richtet, bleibt aber visionslos

Das einzig wirklich Bemerkenswerte ist die Standpunktlosigkeit des Buches

Wer sich als Diskurspolizei geriert, der lässt sich auf einen Hochseiltanz ein. Es ist kein Problem, eine sich seit gut zehn Jahren erstreckende Diskussion (LOHAS, Neo-Ökologie...) nach ihren großen und kleinen Widersprüchen, Undeutlichkeiten und Ungereimtheiten durchzumustern. Kathrin Hartmann hat das gemacht, aber ihre eigene Haltung ist mir (und ich habe mit ihr im Vorfeld des Buches ja auch ein längeres Gespräch geführt) ziemlich unklar geblieben. Auch hier bedient sie die typisch deutsche, bildungsbürgerliche Negativitäts-Emphase. Wenn ein Thema, das mittlerweile viel publizistisches Material bietet, ordentlich filetiert ist, ist für die Feuilleton-Artisten die Arbeit getan. Die Frage, die sich für mich als Trend- und Sozialforscher daran anschließt: Wie viel Negativität kann sich eine Gesellschaft leisten, die sich mit hochkomplexen Thema wie Klimawandel, Globalisierung und Bildungs- bzw. Politikferne auseinandersetzen muss, und – neben anderen Risikofaktoren – einen historisch einmaligen U-Turn seiner Wirtschaftslogik bewältigen soll. Vor diesem Hintergrund liest sich auch die Empörungs-Essayistik von Kathrin Hartmann etwas dysfunktional, der Realität enthoben, ja unzeitgemäß. Und: Wie eine Abrechnung mit einem bösen Feind, den sie uns jedoch nicht nennt (ich hoffe, nicht schon wieder den bösen Kapitalismus). Diese Tabularasa-Logik hat am Ende tatsächlich etwas Märchenhaftes: in der momentan angesagten Abrechnungs-Literatur wird gerne eilig und alttestamentarisch in Gut und Böse eingeteilt. 

 

3. Wird Literatur nur noch dann wahrgenommen, wenn sie gesellschaftliche Prozesse karikiert?

Die auflagensichere Schlussstrich-Prosa versucht im Falle von Kathrin Hartmanns Buch einen gesellschaftlichen Veränderungsprozess mit Basta-Gestus zu desavouieren und zu beenden, der meines Erachtens noch lange nicht beendet ist. Im Grunde drückt Kathrin Hartmann ihr persönliche Unbehagen gegenüber einer gesellschaftlichen Entwicklung aus, erklärt uns aber nicht redlich die Beweggründe für dieses Unbehagen: Bekenntnisliteratur, Auflagenoptimierungsliteratur? In ihren Überlegungen übergeht sie mit souveräner Ignoranz, dass es zu den Neo-Ökos, LOHAS oder wie auch immer längst ausführliche Forschungen gibt und dass sich gerade in der Wirtschaft in den vergangenen rund fünf Jahren – nach meiner eigenen Erfahrung – ein erfreulicher Mentalitätswandel vollzogen hat in Richtung dieses Megatrends. Unternehmen haben tatsächlich begonnen, ihre Kunden nicht mehr nur für Kaufidioten zu halten, sie haben begonnen, sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst zu werden. Ich habe diesen Wandel in einer Vielzahl von Firmen feststellen und begleiten können, von der Pharmaindustrie, über Automotive, Food, bis hin zu Mode und Handel.

 

4. BRD-revisited: Die alte Angst vor dem Kapitalismus und der Zerstörung einer Idee

Typisch deutsch ist die Argumentation von Kathrin Hartmann auch, weil sie mit einem hier zu Lande so wohlbekannten Salon-Antikapitalismus kokettiert: Alles was (speziell im Feuilleton) in den Ruch kommt, neue Märkte, neue Wege aufzuschließen, wird mit dem Verdikt des Kommerziellen und Korrupten belegt. Und was schließlich Marktmacht erlangt, kann ja nix taugen – die deutsche Angst vor dem Kapitalismus und den Marktmechanismen, die uns (so hört es sich vielerorts immer noch an) von dem Eigentlichen, der „guten eigennützigen Sache“ und dem Idealzustand abbringt. 

 

Kleine Anekdote zum Schluss

Wir haben bei der Recherche des LOHAS-Trends sowohl in der amerikanischen Literatur als auch bei eigenen Forschungen und Recherchen eine frappierende Beobachtung gemacht: Alle LOHAS waren bei der Schilderung ihres Lebensstils an Eifer kaum zu überbieten. Was sie sich indes gar nicht vorstellen konnten – dass es noch andere LOHAS neben ihnen geben sollte...Vielleicht ist Kathrin Hartmanns Empörungs-Diskurs Ausdruck einer gekränkten LOHAS-Identität.

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1 Kommentar

  • #1

    Oliver (Samstag, 02 Januar 2010 20:59)

    Tut mir leid, aber als Leser des Buches muß ich sagen: Das genaue Gegenteil ist wahr. Eben die wirtschaftlichen Zusammenhänge werden darin beleuchtet, und festgestellt: Die Weltrettung über "richtigen" Konsum wird nicht funktionieren. Lohas geht es nur um Selbstdarstellung (wie diese letzte Anekdote ja belegt), um sonst nichts. Und was Sie "Negativität" nennen, ist schlicht Kritik, die Sie sich einfach verbitten - so geht's natürlich auch. Allerdings: Welche konkrete Veränderung zum Besseren ist denn aus Lohas hervorgegangen? Die Leute können doch in Reformhäuser rennen, so viel sie wollen - wenn sie das mit dem Porsche Cayenne tun und anschließend nach Australien fliegen, wird das wieviel ändern? Genau: garnichts.
    Im Übrigen finde ich Ihren Text oft einigermaßen wirr und schlecht geschrieben: Kann ein Buch Lager aufmachen, und apropos: die wen nicht interessieren - Sie? Was ist ein sytlisher Glaubenskrieg? Kann man Lifestyledebatten für letztinstanzlich erklären? Was ist eine empörungswahrscheinliche Gegenposition? Nicht dass ich etwas gegen falsche Grammatik hätte, ich fürchte nur: wer so wirr schreibt, denkt auch so.

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