Ich möchte hier keine Ratschläge erteilen, die mit Stehsätzen wie „Wir müssen aufpassen und wachsam sein“ aufwarten. Fest steht, Öffentlichkeit muss ein unveräußerliches Gut bleiben – wie Privatheit auch.
Doch wir sollten uns nichts vormachen: Öffentlichkeit und Privatheit verändern sich in der modernen Gesellschaft (seit rund 200 Jahren) permanent. Ihr Verhältnis wird unablässig neu definiert – und das ist wichtig.
Megatrend Individualisierung: Vom Weltzuschauer zum handelnden Netzwerk-Subjekt
Im Grunde genommen war das 20. Jahrhundert geprägt durch das zunehmende Vordringen des Öffentlichen und Medialen in unsere Intimsphäre. Das ist logisch und trivial zugleich, schließlich war der einflussreichste Megatrend, der sich durch das Jahrhundert hindurch zog, Individualisierung. Menschen haben sich mit Vehemenz von ihrer Herkunftsabhängigkeit (Geburt, Herkunft, Klasse) befreit. Sie haben das getan und sich dabei irgendwann auch in ihren Wohnzimmern mit dem Fernsehen ein „Fenster zur Welt“ installiert und wurden zu Betrachtern und Konsumenten. Es kamen die Telefone hinzu, die das Telegrafenamt und das öffentliche Telefonhäuschen ablösten. Mit den Mobiltelefonen wurde die fernmündliche Nachrichtenübermittlung zum Intimmedium – nah am Körper, immer in Griffweite – und zum Alltagsbegleiter. Am Ende des Jahrhunderts trat schließlich das Internet seinen Siegeszug an, und der lässt sich zum einen damit beschreiben, dass der Konsum allgegenwärtig wurde und plötzlich auch in der Intimsphäre unserer eigenen vier Wände stattfand. Aber es passierte etwas noch viel Entscheidenderes: Aus dem Informationsmedium Internet wurde ein soziales Medium, das Konsum, Kommunikation und Content auf neue bahnbrechende Weise verfügbar machte.
Ist die Internet-Ära dadurch geprägt, dass sie alsbald das Ende der Privatheit herbeiführt? Ich glaube nicht. Doch es geht um einen weitaus grundsätzlicheren Wandel. Vier Thesen dazu:
1 „Orwellness“ ist der falsche Begriff für das, was momentan passiert. Wir verkaufen nicht unsere Seelen im Netz, aber wir sind gerade dabei Öffentlichkeit und Privatheit neu auszurichten. Dahinter steht eine neue mediale Emanzipationschance
Selbst ein linksliberaler Leitartikler wie Heribert Prantl schrieb im vergangenen Jahr von der „Orwellness“, die sich über Facebook, Myspace etc. einzubürgern beginne. „Es gibt einen alltäglichen Web 2.0-Narzissmus; er ist kein Unterschichtenphänomen, wie es die Krawallsendungen der Privatsender sind. Das Internet ist ein Entblößungsmedium auch der jungen gehobenen Mittelschichten geworden, die Schamschwelle ist schnell weggeklickt; auf Familienhomepages wird veröffentlicht, was früher im Fotoalbum klebte.“ Er verwies damit auf ein scheinbar paradoxes Phänomen, dass wir uns gegenüber staatlichen Überwachungsangriffen immer noch (und zu Recht) entrüsten und im Internet freiwillig die Hosen runterlassen. Ich glaube, die Evolution von Socialmedia in den vergangenen rund fünf Jahren hat gezeigt, dass das gar kein Widerspruch ist. Unsere Justierung des Begriffpaars Öffentlichkeit vs. Privatheit beginnt sich einfach zu verschieben: Wir transportieren immer mehr persönliches nach außen, weil gerade Socialmedia unser Bedürfnis nach Kommunikation stimuliert und wir merken, dass wir dabei auf eine neue Erfahrungsebene geraten. Prantl zitiert Ex-Generalbundesanwalt Kay Nehm, der einmal gesagt haben soll: „Eine Gesellschaft, die ihre Intimitäten öffentlich in die Handys posaune, hat das Fernmeldegeheimnis aufgegeben.“ Ich denke, auch das ist zynische und falsch betrachtet. Es geht den meisten Zeitgenossen nicht um das Ausstellen von Intimität, es entsteht schlichtweg eine neue Kommunikationslandschaft, bei der der einzelne im Mittelpunkt steht.
2. Schirrmachers Buch ist der bewusst-unbewusste Abgesang auf eine bildungsbürgerliche Elite und ein elitäres Wissensverständnis, das sich im 19. Jahrhundert entwickelte. Doch die Gatekeeper-Funktion der Medien hat definitiv ihre Daseinsberechtigung eingebüßt
Es macht deshalb auch wenig Sinn, zu beklagen, dass plötzlich Privatfotos in Netzen auftauchen und User unglaubliche Banalitäten in die Mediasphäre veräußern. Dieses overload-Gefühl entsteht aus der Perspektive der hegemonialen Medien, die offenbar gerade ihren Bedeutungsverlust realisieren. Man kann Schirrmachers Buch „Payback“ insofern sinnbildlich als „friedliche Kapitulation“ der herrschenden unidirektionalen Medien ansehen, als eine Selbstbefragung, die zu dem Ergebnis kommt, dass Wissensvermittlung über die Gatekeeper aus Print, TV, Radio ausgedient hat, moderne Nutzer nicht mehr erreicht. Sascha Lobo hat in seinem sehr lesenswerten Spiegel-Artikel darauf ausführlicher hingewiesen (s. dazu auch meine Äußerung zu Schirrmacher hier im Blog). Was wir uns meines Erachtens wieder klar machen müssen, findet man in einem unendlich klugen Buch aus grauer Medienvorzeit, das Buch heißt Öffentlichkeit und Erfahrung und wurde 1972 von Alexander Kluge und Oskar Negt verfasst. Darin findet sich der entscheidende Satz, der das Thema erklärt: „Öffentlichkeit besitzt dann Gebrauchswerteigenschaft, wenn sich in ihr gesellschaftliche Erfahrung organisiert.“ ("Öffentlichkeit und Erfahrung", S. 20) Wir sind uns wahrscheinlich alle einig, dass sich in TV-Kanälen wie 9Live oder in „Unterhaltungs“formaten wie dem „Dschungelcamp“ keine gesellschaftlichen Erfahrungen kristallisieren. Negt und Kluge hatten damals das Verlagswesen und das öffentlich-rechtliche Fernsehsystem vor Augen, als sie mit Unbehagen schrieben: „Öffentlichkeit ist ...eine Angelegenheit weniger Professioneller (z.B. Politiker, Redakteure, Verbandsfunktionäre), zum anderen etwas, das jedermann angeht und sich in den Köpfen der Menschen erst realisiert, eine Dimension ihres Bewusstseins.“ (S. 18) Wir sind in der beneidenswerten Situation, dass Öffentlichkeit immer weniger eine Angelegenheit weniger Professioneller ist und dass Öffentlichkeit tatsächlich wieder zur Organisation von Erfahrung beitragen kann.
3. Wir sind dabei, Öffentlichkeit und Medien als Ausdrucksformen zurückgewinnen. Dabei wird sich das Verhältnis öffentlich/privat umjustieren. Netz-Banalitäten und –Belanglosigkeiten sind eine unvermeidliche Zwischenetappe auf dem Weg zu einer digitalen Identität im 21. Jahrhundert
Was hat das mit dem „Ende der Privatheit“ zu tun? Eine ganze Menge: Menschen beginnen in den Socialmedia Medien und Öffentlichkeit tatsächlich als Ausdrucksformen für ihre Erfahrungen zu entdecken. Socialmedia veranstaltet nicht nur Programm für Herrschafts- und Expertenwissen, sondern ermächtigt jeden einzelnen, sich auszudrücken und Erfahrungen zu machen. Wir müssen wohl einstweilen den Schwall an Unsinn, Seelenmüll und Belanglosigkeiten aushalten, wenn wir wollen, dass eine vielstimmige Öffentlichkeit entsteht, in der die Nutzer zu Subjekten werden. Alexander Kluge (den ich für einen der wichtigsten Intellektuellen der vergangenen 50 Jahre halte, weil er schon immer multimedial und intertextuell gedacht hat) hat das in einem wunderbaren Interview mit Uwe Tellkamp jüngst so beschrieben: „Erfahrungen macht jeder, im Intimbereich wie auf der Arbeit, sie ist aber zunächst nicht-öffentlich. Und erst dadurch, dass sie öffentlich wird, kriegt sie das Selbstbewusstsein. Nicht nur ich habe diese Erfahrung, sondern ich teile sie mit anderen.“ Wenn wir also in den nächsten Monaten weiter über Zensur, Verlust der Intimsphäre, Ende der Privatheit reden, sollten wir im Auge behalten, dass in unserer neuen nutzerzentrierten Öffentlichkeit das enorme Potenzial liegt, Selbstbewusstsein für die eigenen Gefühle, für die eigenen Produkte, für das eigene Leben zu schaffen. Der Terror der Intimität findet derweil im abdankenden Leitmedium Fernsehen statt, in der Auslieferung der B-Prominenz oder anderer Menschen an die lüsterne Reality-Kamera. Im pornografischen Spiel von Exhibitionismus und Voyeurismus, den das Promi-Society-TV seit 20 Jahren ablaufen lässt und ohne das Prominenz gar nicht mehr vorstellbar ist (gibt es eigentlich Prominenz im Web 2.0, ich denke, auch gesellschaftliche Eliten werden über Socialmedia neu definiert).
4. Existenzmodus Wiki-Me, Internet-Diäten und die digitalen Supermächte sind Schlagworte, mit denen wir uns in nächster Zeit befassen müssen. Das Internet ist viel zu wichtig, um es den Suchmaschinen zu überlassen
In einem Interview, das Ulrike Langer mit dem Webpionier und Sevenload-Gründer Ibo Evsan geführt hat, geht es um digitale Selbstbestimmung. Er selbst hat erlebt, wie die Parallelwelt von World of Warcraft mit seiner Belohnungs- und Aufstiegslogik süchtig machen kann. Ibo hat aber auch erlebt, wie ihn das Internet empowered hat: „Ich bekomme einfach bessere Ergebnisse.“ Bei ihm ist nicht vom „Ende der Privatheit die Rede“, aber er spricht immer wieder von Internet-Diäten, sozusagen von der richtigen Dosierung. Zwei negative Szenarien mendeln sich bei ihm heraus, die die Zukunft sein könnten: Wiki-Me, ich bin das Weltwissen, ich bin mein eigenes Wikipedia. Und auf der anderen Seite der börsennotierte digitale Weltkonzern, der mit meinen Daten machen kann, was er will. Beides lässt sich dadurch verhindern, so verstehe ich Ibo, dass gesamtgesellschaftlich an einer digitalen Selbstbestimmung gearbeitet wird. Aber dazu muss das Internet als das verstanden werden, was es wirklich ist: „Wir müssen verstehen, dass das Internet furchtbar wichtig ist. Es ist nicht mehr so, dass ich mal wie früher irgendwelche Webseiten surfe oder irgendwelche Informationen mir hole, sondern es ist ein BESTANDTEIL des Lebens und es ist ein Bestandteil von Menschen, die tatsächlich viel mit dem Internet zu tun haben. Dementsprechend muss der Staat mehr ins Internet investieren...“ Viel zu lange hat unsere Gesellschaft das Internet für einen bestenfalls wirtschaftlich-technologischen Fortschritt gehalten. Jetzt haben wir Socialmedia. Und wir merken, dass sich eine Veränderung vollzieht, die die Grundlagen unseres Lebens (wie öffentlich vs. Privat) neu ausrichtet. Wir sollten diese Veränderung als Chance nutzen.
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8 Kommentare
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#1
Das Internet wird sicherlich noch mehr in das private Leben der Menschen Einzug halten.
Nicht zuletzt dadurch, dass Arbeit und Privates immer weiter verschmelzen. Das Buch " Wir
nennen es Arbeit: Die digitale Boheme oder: Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung" zeigt recht anschaulich, wohin sich die Arbeitskultur durch das Internet entwickeln kann.
Die Trennung zwischen Privatperson und Arbeitsperson fällt daher nicht mehr so stark ins Gewicht. Deshalb sehe ich auch keine "Entblößung" durch das Internet, sonder die Darstellung von Individuen, die nicht ängstlich zwischen Arbeit und Privatem trennen.
Die Situation das Öffentlichkeit durch das Internet wieder zu einer Sache von vielen wird, ist tatsächlich beneidenswert. Dennoch scheint es so als ob, die neu gewonnen „Freiheit“ oder sogar „Macht“ in seiner ganzen Tragweite selbst in den Köpfen der Meinungsmacher und Blogger noch nicht 100 % angekommen ist. Deshalb steht die Frage im Raum, ob diese „Macht“ nicht ähnlich der Vermarktung und Ausblutung von Subkulturen, schleichend wieder in die Hände von wenigen Professionellen gelangen wird. Oftmals werden historische Chancen erst retrospektiv wirklich sichtbar und nicht im Moment der Chance selbst.
Die Idee, das „gesamtgesellschaftlich an einer digitalen Selbstbestimmung gearbeitet wird“, halte ich für sehr positiv. Die Frage nach Datenschutz und Sicherheit, aber auch die Frage nach der Kommerzialisierung der „neuen Öffentlichkeit“ muss beantwortet werden. Ansonsten droht sicherlich das Zweite der „negative Szenarien“.
Die „Chance für eine neue Öffentlichkeit“ ist sicherlich da. Das breite gesellschaftliche Bewusstsein dafür muss aber noch geweckt werden.
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#2
Richtig! Es ist so einfach, sich über Überforderung, neuartiges Selbstverständnis durch und im Internet zu beklagen. Der Gedanken des neuen Selbstverständnisses ist hier sehr gut beschrieben!! Auch ich teile nicht den Kulturpessimismus des Herrn Schirrm. Will er mit Pay/back vielleicht eher "heim" als zurückzahlen?
Zur Vollständigkeit sei aber noch Ibos Buch "Der Fixierungscode" erwähnt, das ich persönlich für eine sehr differenzierte Herangehensweise an das Thema Internet halte. Gedanken dazu fehlen mir hier...
Ansonsten super 1a Auseinandesetzung mit dem uns am meisten bewegenden Thema! Danke! -
#3
@chris: Chris ich finde Deinen HInweis wichtig, dass man jetzt schauen muss, wie Vermarktung rund um Socialmedia demnächst ablaufen wird. Wir sollten uns aber auch den Blick nach vorne nicht einengen lassen. Ich denke, es wird immer zuviel über Risiken und Nebenwirkungen geredet. Und: Die Strukturprobleme, die die klassischen Medien gerade zu beackern haben,laufen ja auf folgendes Dilemma zu: Bin ich eigentlich für den Leser oder für den Anzeigenkunden da. Socialmedia eröffnen uns die Chance, aus dieser spezialisierten und von der Wirtschaft quersubventionierten Öffentlichkeit auszusteigen. Socialmedia ist in dieser Hinsicht vielleicht robuster als die Zaghaften und Kulturpessimisten denken.
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#4
@Doro: Danke, freut mich, dass Du mit den Thesen etwas anfangen kannst. Zum #Fixierungscode: Mir war das Buch von #Ibo bis gestern noch nicht zugänglich, so dass ich mich nur auf das Gespräch beziehen konnte, das FrauLanger mit dem Autoren geführt hat :-)
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#5
@eikewenzel:
Vielen Danke für Dein Feedback.
Ich wollte auch garnicht den Eindruck hinterlassen, zu pessimistisch auf die Zukunft des Internets (Social Media) zu schauen. Aber durch die Begeisterung (welche ich auch selbst teile) darf man auch nicht naiv mit diesen Themen umgehen.
Das Dilemma der klassichen Medien, das du ansprichst, sehe ich aber auch auf Social Media übertragbar. Welcher "Seite" bin ich verbunden, wenn ich die AGB´S meiner Community dahingehend verändere, das ich selbst oder meine Werber die Daten der User zur direkten Ansprache der Zielgruppe verwenden dürfen ?
Ich stelle sogar mal die These auf:
Das Internet kopiert in einer Form sogar das Businesskonzept der Printmedien. Ich biete dem User einen kostenlosen Service (Eine Tageszeitung verdient an der tatsächlichen Einnahmen über den Preis der Zeitung wenig bis garnichts)und verdiene über Werbung. (Zeitung = Anzeigen, Internet= Banner, Daten, Werbung)
Das wäre dann wieder ein Dilemma oder !?! -
#6
Hallo Herr Wenzel,
Hallo Eike,
vielen, vielen Dank für den Beitrag. Ist seit langem das beste, was ich in der Richtung gelesen habe! -
#7
Hi Mirko,
da nicht für. Wir leben in aufregenden Zeiten, auch wenn wir uns das oft nur in negativer Sicht klar machen.
LG eike -
#8
@chris: Natürlich ist die Verlockung groß, das Web 2.0 nach den Maßstäben des alten klassischen Modells zu stricken. Aber wie ich im Text versuche zu zeigen, gibt es eine Chance, anhand der Socialmedia Öffentlichkeit neu zu denken. Einstweilen wird es dabei bleiben: Wir werden in den nächsten zehn Jahren signifikant weniger Werbung (nicht nur im Web) haben, aber auch signifikant mehr Kommunikation. Ich überlege gerade, wie man diese Phase in der Mediengeschichte dann nennen wird...Viele Grüße EW
