Mo
30
Nov
2009
Worst things first, die Montagsreklamation: Der Neuros II Digital Audio Computer, die implodierte Supermaschine
Manchmal ist es nur unfair, in die Produktgeschichte zurück zu steigen und überalterte Kreationen an den Pranger zu stellen. Manchmal ist es aber auch sehr lehrreich, dies zu tun. Hier ist ein solcher Fall.
Im Jahr 2004 kam ein Gerät von Neuros Audio auf den Markt, dass durchaus die Bezeichnung Alleskönner verdient hätte: Der Neuros II Digital Audio Computer – der Name deutet es bereits an – sollte wahrscheinlich das definitive digitale Konvergenzprodukt schlechthin sein, die alle erlösende Supermaschine...Audio...Digital...Computer...vow! Das Teufelswerk konnte MP3 abspielen, Ogg Vorbis, VMA, unterkomprimierte WAV Files und war zugleich ein UKW-Radio.
Neuros II: Hyperoptionalität, die niemand wollte
Die Schwachstelle
Bei einigen Audiofreaks, die allerdings noch keinen iPod in Händen gehalten haben können, galt das Gerät aufgrund seiner Zweikomponenten-Konstruktion als überaus intelligent. Der eigentliche Player bezieht seinen Strom und seine Speicherkapazitäten aus dem Schaft, in den das Gerät eingebettet ist. Die Geschichte hat indes gezeigt, dass niemand einen Musikplayer haben möchte, der aussieht, als wären Telefon, Radio und MP3-Player durch einen Laborbrand mutwillig verschmolzen worden. Wir erinnern uns angesichts des Neuros II auch an indiskutable Türöffner, die vor Jahrzehnten ähnlich konfiguriert wurden und ständig von der Wand fielen. An die Designer würde ich gerne noch die Frage stellen, warum man ständige mit Gerät und Hülle kämpfen soll, während man in der engen U-Bahn unterwegs ist - und der iPod zwischenzeitlich als Träger-, Schaft- und Halter-loses Gerät längst zum Welterfolg avancierte.
Das Problem
Bei meinen Montagsreklamationen stelle ich mir oft die Frage, ob das Produkt von Ingenieuren für Ingenieure gemacht wurde oder ob wirklich zumindest ein kleiner Hausfrauentest dem Launch vorangegangen ist. Neuros II ist definitiv ein Produkt, von dem Ingenieure manchmal träumen, in Grundentscheidungen dabei unglaublich naiv und weltfremd. Wer glaubt tatsächlich, dass ein zukunftsfähiges Gerät drei Audiosysteme wie MP3, Ogg Vorbis und WMA beherrschen müsste – eigentlich nur betriebsblinde Ingenieure, die es versäumt haben, eine technologische Innovation vor dem Hintergrund von Konsum- und Lebensstiltrends zu reflektieren (Mobilität, Personalisierung). Im Übrigen war 2004 der Siegesszug von MP3 als Kompressionsmodus für die Unterhaltungselektronik längst beschlossene Sache.
Trendeinschätzung: Statt die Welt mit einem neuen Produkt zu beglücken, ist der Neuros II als Sammelsurium von Design- und Nutzungsströmungen, die die Macher wohl ziemlich willenlos aus dem Zeitgeist (Handy, Handheld, iPod, Miniradio...) gefischt haben, als gesichtsloses Gadget gestrandet. Aus der angestrebten Superkonvergenz-Maschine wurde eine Design- und Nutzwert-Havarie erster Klasse. Zwei Kardinalfehler haben das Produkt scheitern lassen: Design und Nutzung. Statt sich auf ein Audiosystem (dann meinetwegen mit angedocktem Radio) zu verlassen, wurden unschlüssig mehrere Systeme zusammengepackt, die jedoch nur die größten Tekkis irgendwann parallel nutzen würden. Apples iPod hat überzeugend bewiesen, dass es nicht um tausend Optionen des Audiosystems geht, sondern dass die individuelle und smarte Nutzbarkeit durch den Konsumenten entscheidend ist. Und der möchte sich bekanntlich mit seinem Audioplayer den „Soundtrack seines Lebens“ nach eigenem Gusto zusammenstellen. Ein gutes Learning bietet der Neuros II vor allem deshalb: Die Unentschlossenheit, was den technologischen Standard angeht, hat sich direkt auf das Design ausgewirkt. So ist in beiden Bereichen Stückwerk entstanden, die unentschlossene Gestaltung macht das Produkt gesichtslos. Und da die Hersteller offenbar kein klares Bild von ihrem Nutzer hatten, wirkt auch die Technologie halbherzig umgesetzt. Es gilt die Binsenwahrheit: Nicht alles, was technologisch möglich ist, interessiert den Endnutzer. Auf dem Weg zur Supermaschine ist eine soziotechnologische Halbheit entstanden, die unbeachtet im Mülleimer der Technikgeschichte landen wird.
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