Do

26

Nov

2009

Das Zeitalter von Info-Painting beginnt: Während Frank Schirrmacher vor dem Info-Tsunami warnt, zündet David McCandless ein Feuerwerk der farbtrunkenen Wissensv

Jetzt wissen wir es mal wieder. Frank Schirrmacher hat uns allen die schon bald eintretende Info-Verblödung diagnostiziert. Kulturpessimismus ist quotenträchtig, wenn auch nicht unbedingt neu:

Seit circa 200 Jahren wird uns mit ordentlichen Auflagenzahlen die „Antquiertheit des Menschen“ und die Monströsität alles Neuen als Ursache für Impotenz, Kopfschmerzen und schlechte Laune angeboten. Erst war es die Eisenbahn, dann die Fotografie, dann der Film, dann das Fernsehen, dann das Web 1.0, jetzt das Web 2.0...Tröstlich nur, dass es niemanden der Nutzer dieser Höllenmaschinen wirklich interessiert hat, was die Untergangspropheten so dekretierten.

Moral Matrix. Quelle: David McCandless: The Visual Miscellaneum, New York 2009. Moral Matrix. Quelle: David McCandless: The Visual Miscellaneum, New York 2009.

Und die Denker der letzten Tage wissen selbst höchst selten, über welche Techniken sie gerade den Stab brechen. So hat der Kulturpessimismus schon immer schön als elitäre Parallelgesellschaft zur Realität des Alltagslebens und der Modernisierung funktioniert – die Menschen haben gelebt und die untergangsverliebeten Intellektuellen haben Auflage gemacht.

 

Zu Schirrmachers fast schon besorgniserregenden Befindlichkeiten ist mir heute spontan das Buch von David McCandless eingefallen: „The Viusal Miscellaneum“. McCandless tut wohl alle, wirklich alles, was Migräne bei Kulturkritikern verursacht. Er widmet sein Buch dem Internet. Er benutzt bunte Bilder. Er überschüttet uns mit Klugem, Inspirierendem und manchmal heillos überflüssiger Datenhuberei:

 

- Wer weiß, dass die Anatomie unserer Welt, wie wir sie alle kennen, eigentlich eine Perspektivenverzerrung ist. Arno Peters hat das 1974 nachgewiesen. Ihm fiel auf, dass die Mercator-Weltkugel die Regionen der nördlichen Halbkugel bevorzugt. Seitdem ist über die Peter’s Projektion und eurozentrisch Weltbilder ein heftiger Streit entbrannt. McCandless macht diese Perspektivenverzerrung in grafischer Auflösung anschaulich. (S. 202/203)

- Welche Wörter benutzt „New-York-Times“ Kolumnist Thomas Friedmann am häufigsten. Und wie oft sagt er „Ich“ verglichen mit George Monbiot vom „Guardian“. (96/97)

- Wieviele Weltreligionen gibt es und wie stellen sich die Vashnavite (eine hinduistische Glaubensabspaltung) gegenüber Masturbation? Wie stellen sich die Quäker gegenüber der Verlockung des Glücksspiels? Alles in schrill-bunten, aber sehr inspirierende und opulenten Grafiken. (100/101)

- Eine doppelseitige Weltkarte, die aufzeigt, in welchem Land es die meisten Serienkiller, die meisten Hausschweine, den höchsten Baumwollbestand etc. gibt. (114/115)

- Auf einer ebenfalls doppelseitigen Karte ist vor knallrotem Hintergrund der Umriss von China zu sehen. Die Umrisse des Riesenreichs hat McCandless mit den in China verbotenen Suchwörtern gezeichnet. Darum herum wabern die weltweit kursierenden Webseiten. (144/145)

- Ziemlich nutzloses Wissen wird auf stupende Weise zum Leuchten gebracht. Auf einer Seite ist der durchschnittliche Intelligenzquotient unterschiedlicher Berufe angeordnet, vom Friseur bis zum CEO. Ergänzt wird die eher ironisch zu lesende IQ-Grafik durch Schauspieler und Promente, wobei Stephen Hawking und Mozart (beide über 140) nicht sehr weit vor der hochbegabten Shakira (140) liegen. (164/165)

- Zwischen Ende der 1970er Jahre und unserer Gegenwart entsteht ein hübsches Wimmelbild, das die gesamte Evolution der Personalcomputer in winzigen Briefmarkenbildchen dokumentiert. Quelle hierfür ist, wie häufig, Wikipedia. (84/85)

- Auch vor fast esoterischer Farbpsychologie schreckt die Visualisierungslust des Autors nicht zurück. Derjenige, der Türkish bevorzugt, gehört zu den ganzheitlichen Denkern. Wer hingegen auf Rot steht, zeigt eindeutige egozentrische Tendenzen. Auch Loevinger’s Stufen der Persönlichkeitsentwicklung findet man in einer hübschen Tabelle wieder. (80-83)

- Viele Sachen haben oder hätten einen schon immer mal gejuckt, sie (wenn man selbst in der Keynote/Powerpoint-verstreuenden Gilde unterwegs ist) visuell auf einem Masterchart zu bannen. Aber den wenigsten wird es so gelingen, wie McCandless beispielsweise in seiner schönen Rock „Genre-ology“ von den 1960ern bis in die Gegenwart. (58/59)

 

Trendeinschätzung: Wer entscheidet welches Wissen nutzlos und welches gut ist? Wissen und Bildung – das wird die große Leistung des Internets in den nächsten Jahren sein – werden nicht mehr im Kanon für die wenigen Gebildeten eingeschlossen. Wenn wir die Rede von der Demokratisierung des Wissens ernst nehmen und wenn wir Wissen tatsächlich als essenziellen Rohstoff betrachten, dann müssen wir auch damit leben, dass Wissen genutzt, konsumiert und verbraucht wird. Wenn es gut geht, gerät Wissen dadurch tatsächlich aus seiner elitären Verfasstheit heraus. Dann wird es zum Spiel und zum Objekt ironischer Zugriffe. McCandless wirklich famoses Buch zeigt, dass Wissen nicht den direkten Weg zur Wahrheit und Weisheit weist. Die Kulturpessimisten können jetzt wieder information overload und Bildungsverflachung bejammern. Wir sind am Ende der Expertokratie und der bildungsbürgerlichen Äußerungsenklaven angekommen. Bildung wird zum demokratisierten Rohstoff der Zukunft.

David McCandless: The Visual Miscellaneum, New York 2009. David McCandless: The Visual Miscellaneum, New York 2009.

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