Mo

23

Nov

2009

Worst things first, die Montagsreklamation: Atech Flash iCarta oder die (Geschmacks-)Grenzen der Trends

Der iPod, krisengeborenes Wunderkind des Jahres 2001, hat die Musikwelt auf den Kopf gestellt. Seit wir den MP3-Player von Apple haben, wissen wir endlich, was die Individualisierung des Konsums wirklich bedeuten kann.

Grenzen des Trends Überall-Konsum Grenzen des Trends Überall-Konsum

Mit dem iPod stellen wir uns den Soundtrack unseres Lebens zusammen. Musik wird noch mehr zu einer persönlich-emotionalen Angelegenheit. 

 

Bislang haben die Platten-Majors keine angemessene Reaktion auf den iPod gezeigt. Für Apple war der neu erfundene Walkman der Beweis dafür, dass es sich lohnt in andere Gebiete der Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik einzudringen. Mittlerweile kreisen ganzen Industrien im Umfeld der Apple-Gadgets iPod und iPhone wie süchtige Motten um das Licht. 

 

Das Produkt

Und dabei wird natürlich auch jede Menge iShit hergestellt, wie beispielsweise Atech Flash's iCarta, dem Toilettenpapierhalter mit integriertem iPod oder iPhone. Vielleicht ist es sentimental, gegenüber Glück spendender Technik so etwas wie eine würdevolle Me-too-Produktpalette zu erwarten. Aber für das 21. Jahrhundert Stil bildende Innovation des MP3-Players wird durch seine Zernutzung als Latrinenartikel auf primitivstes Heizdeckenniveau (20. Jahrhundert) zurückgeführt.

 

Die Schwachstelle

Das iCharta-Monster zum musikalischen Zeugen intimer Verrichtungen zu machen, bedeutet unter anderem auch, eine Steckdose in unmittelbarer Nähe zur Verfügung zu haben, weil der überflüssige Musikplayer ansonsten nicht funktioniert. Das darüber hinaus noch äußerst geschmacklos aussehende Gerät soll zumindest über ordentliche Boxen verfügen, Toilettenpapier muss nicht in teuren Applestores erstanden werden, sondern kann von grundsätzlich jedem Hygieneartikler gekauft werden. Verschweigen wir nicht, dass die Tester der Zeitschrift Wired feststellen konnten, dass sich die Unglücksmaschine auch auf engstem Raum sowohl mit ausgestreckten wie auch mit angewinkelten Armen mühelos bedienen lässt. Aber desillusioniert ist man als bekennender Apple-User schon, wenn man erkennen muss, dass eine wirklich epochale Erfindung wie das individualisierte Überall-Musikhören derart dämlich ad absurdum geführt wird. 

 

Trendeinschätzung

Trends lassen sich nicht willen- und hirnlos auf alle Lebenslagen herunterdeklinieren, das ist das Learning bei der Begutachtung des überflüssigen Toiletten-iPods. Als kleinen Trost zwingt uns das missratene Ding jedoch, die Prämisse unserer Trendbewertungen immer wieder zu überprüfen: Individualisierung, das wissen wir jetzt besser denn je, heißt nicht: überall, wo es nur geht, sondern den Selbstverwirklichungsinteressen des modernen Individuums angemessen. Und Personalisierung fordert definitiv nicht, dass Technologie wirklich in jedes Fältchen unseres privaten Daseins vordringen sollte.

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