Ok, wir brauchen definitiv keine Utopisten, die uns ein Heilsversprechen abgeben, dass sich im Irgendwann einlösen lässt. Aber es reicht für einen Lebensentwurf im 21. Jahrhundert nicht, die Erwartungen auf breiter Front runter zu schrauben und eine Machbarkeitswelt als neues Heilsversprechen zu verkünden.
Kurz vor der Bundestagswahl hat Renate Köcher von Allensbach das Thema vor dem Hintergrund der zu erwartenden Wahlbeteiligung brillant auf den Punkt gebracht:
„Die Bindungen an Parteien werden auch durch einen pragmatischen Politikstil ausgehöhlt, der mittlerweile weitgehend darauf verzichtet, pragmatisches Handeln aus weltanschaulichen Positionen abzuleiten. Die Bürger nehmen die Politiker immer weniger als Vertreter weltanschaulicher Überzeugungen und Grundsätze wahr, sondern als Pragmatiker der Macht, die möglichst rasch Lösungen für die tagesaktuellen Probleme finden wollen. Noch zu Beginn der neunziger Jahre hatten 50 Prozent der Bevölkerung den Eindruck, dass Überzeugungen und Prinzipien in der Politik mehr zählen als Pragmatismus; Ende der neunziger Jahre glaubten dies nur noch 27 Prozent, heute 23 Prozent. Gegenläufig hat sich die Einschätzung, dass Politik in erster Linie pragmatisch nach Lösungen sucht und dabei Grundüberzeugungen hintanstellt, von 33 auf 62 Prozent erhöht.“
Weswegen wir keine Utopien mehr mögen: Realitätsverluste durch Ideologie
Ich bin kein großer Fan von Allensbach, nicht zuletzt, weil sie sich immer wieder ziemlich deutlich für die Linie der CDU ins Zeug gelegt haben, aber dieser Analyse ist zunächst nichts hinzuzufügen. Keine Frage, Politik soll lösungsorientiert sein. Und das ist das, was die Deutschen auch in Zukunft an erster Stelle von der Politik verlangen.
- Der Psychologe Paul Watzlawick hat 1990 mit Kollegen das „Utopiesyndrom“ beschrieben. Utopien Dass es Mängel, Niederlagen, Verirrungen und Perversionen gibt, die den endlosen Weg zur Utopie säumen, wird kontrafaktisch denjenigen in die Schuhe geschoben, die sich der „Wahrheit“ entgegenstellen, renitent sind und nur noch nicht auf den „richtigen Weg“ eingebogen sind.
- Günter Schabowski, der letzte „Presseversprecher“ der SED und verantwortlich dafür, dass sich die Mauer endgültig öffnete, genau dieses „Utopiesyndrom“ im real existierenden Sozialismus festgemacht. Wir haben in Deutschland mehrfach schlechte Erfahrungen mit Utopien gemacht. Auf den Gruppenwahn einer nationalsozialistischen Herrenwelt folgte in Ostdeutschland die Diktatur des kleinbürgerlichen Realsozialisten. Schabowski hat das großartig in seinem Interview-Buch „Wir haben fast alles falsch gemacht. Die letzten Tage der DDR“ beschrieben: „Unser System war die Projektion der Vollkommenheit, ein Ideal. Aber Idealen – so beruhigten wir uns selbst – nähert man sich nur via Unvollkommenheit. Es war das selbstverliebte Beharren in der Utopie, dass und nach dem Sturz Honeckers zumindest anfänglich glauben ließ, wir könnten aus dem ruinierten Balg doch noch ein sozialistischen Phönix zaubern.“ (S.65) Utopien, die Vertröstung auf das Heil in fernen, unbestimmbaren Zeiten, korrigieren auf perfide Weise die Realität. Schabowski: „Der Mechanismus der Selbsttäuschung funktionierte eben störungsfrei. Er unterschied auf irrationale Weise zwischen dem Ganzen und seinen Teilen. Das System beanspruchte, die gesellschaftliche Wahrheit und Vernunft zu verkörpern...Wir verfügten über die bessere Ökonomie, auch wenn die Produktionslücke zum Westen größer wurde, wir waren demokratischer, aber Andersdenken war im Ursinn des Wortes verpönt. Wir waren das System der Freiheit – hatten wir nicht die knechtende Ausbeutung abgeschafft? Unsere Freiheit war jedoch nur mit einem Heer an Staatssicherheit zu bewahren.“ (S.64/65) So funktionieren Ideologien: Sie korrigieren die Wirklichkeit. Und wenn die Wirklichkeit grau und schlecht ist, dann wird es in der Zukunft bestimmt besser, man muss nur an das Richtige glauben. Genau diese Erfahrung mit Utopien treibt heute so viele Menschen berechtigterweise in den bekenntnisfreien Pragmatismus. Gut so!
Pragmatismus und die Weltverbesserer 2.0
Blicken wir in die Zukunft. Wir haben uns unserer Wertewandelforschung und speziell mit Blick auf die LOHAS schon länger das Abrücken der Menschen von kompakten Weltanschauungen und erlösungssüchtigen Ideologien festgestellt. Die Erfahrung mit dem sang- und klanglosen Zusammenbrechen von Ideologien im 20. Jahrhundert hat damit sehr viel zutun. Doch schauen wir noch etwas genauer hin:
- Ich charakterisiere die LOHAS bewusst mit einem Paradoxon als „pragmatische Idealisten“. Und das heißt genauer: LOHAS haben sich von starren politischen Weltbildern und Utopien verabschiedet. Utopie lässt sich übersetzen mit a-topos, „kein Ort“ – LOHAS lieben es dagegen, sich mit ihrem Lebensstil konkret in der Gegenwart, in ihrer Region, Stadtteil zu verorten. Und diese geliebten Orte möchten sie pragmatisch nach ihren Wünschen gestalten. Dabei sind sie durchaus eher zukunftsoffen und optimistisch, sie möchten – wenn es diese Formulierung in wertfreier Form überhaupt gibt – ihre Welt verbessern, hier, an diesem Ort, jetzt und gleich (auch wenn es nur erste Schritte sind).
- LOHAS-Pragmatismus zielt also durchaus ab auf Veränderung der Wirklichkeit. Es ist deswegen so spannend, sich mit LOHAS zu beschäftigen, weil sie tatsächlich sehr lösungsorientiert denken. Sie formulieren damit eine neue Form des Engagements, deutlich unterschieden von Bewegungen aus den 1980er Jahren oder bei den 68ern. LOHAS sind nach meiner Beobachtung eine mittlerweile global einflussreiche Bewegungen, die sich nicht über Ideologien und politische Glaubensbekenntnisse definieren, sondern über Interesse für Realpolitik und Diesseitigkeit: „Im Hier-und-Jetzt müssen wir etwas tun!“
- In den USA hat sich durch die Finanzkrise eine bemerkenswerte Verschiebung auf den Biomärkten (ich spreche da vor allem über Food und den Lebensmitteleinzelhandel) vollzogen. Auch hier steht die Vokabel „pragmatisch“ im Mittelpunkt. Wie die amerikanische GfK herausgefunden hat, waren während der Krise keine Rückgänge im Biokonsum zu verzeichnen, ganz im Gegenteil. Allerdings sieht amerikanische Konsumenten nicht bereit – anders als in Westeuropa – signifikant mehr für Öko-Produkte zu zahlen. Amerikanische Konsumenten motivieren ihren Bio-Einkauf darüber hinaus eindeutig, so die GfK-Forscher, mit persönlichen „benefits“ und sehen ihn nicht als moralischen Beitrag für das große Ganze. Unsere Freunde von der GfK, mit denen ich schon einige Projekte realisiert habe, nehmen diese Erkenntnis zum Anlass, das „Zeitalter eines grünen Pragmatismus“ auszurufen.
Aber das geben die angeführten Daten meines Erachtens nicht her. Mir geht es hier um Trennschärfe bei der Frage, über was eigentlich geredet wird. Die GfK spricht (nur) über den Konsum und den grünen Konsum und hat Amerikaner nach den sich wandelnden Einkaufsgewohnheiten gefragt. Die sind offenkundig pragmatisch (definitiv auch bedingt durch die Rezession) und weniger am „Big Picture“ orientiert, wie ich es für die LOHAS formuliert habe („greenomics“). Die GfK hat nach sich wandelnden Konsumentscheidungen gefragt. Uns geht es tatsächlich um das „Big Picture“, um Werthaltungen und um die Werthaltungen der LOHAS, die mindestens ein Drittel der deutschen Bevölkerung ausmachen. Und diese Werte gehen über den Preis-Leitungs-Pragmatismus hinaus. Wenn wir ernsthaft über LOHAS als gesellschaftliche Veränderungsbewegung reden wollen, dann müssen wir uns klar machen, dass LOHAS nicht nur grün und glamourös konsumieren wollen, sondern dass sie auf einen neuen Lebensentwurf abzielen, der jenseits der politischen Lager liegt und der nach neuer „Synapsenbildung“ zwischen den Akteuren aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik verlangt.
Changeagent: Die Physiognomie des neuen Weltverbesserers
Hieraus ergeben sich für mich vier Schlussfolgerungen für den Weltverbesserer des 21. Jahrhunderts:
1. Im Off der Ideologien und Glaubensbekenntnisse: Ja, wir brauchen Weltverbesserer dringender denn je. Aber der Weltverbesserer 2.0 ist weder ein Hans-guck-in-die-Luft noch ein die Realität kühn umdeutender Demagoge, der die vergifteten Trümmer der DDR-Wirtschaft als notwendige Zwischenstationen im Klassenkampf schönfärbt.
2. Pragmatischer Idealismus: Der Weltverbesserer 2.0 muss der Spitzentechnologie (die zukünftig eine grüne Spitzentechnologie sein muss, ansonsten verdient sie die Superlativ nicht mehr) nachhaltig das Vertrauen aussprechen. Mit den LOHAS findet er Fürsprecher für eine grüne Ökonomie, die sich pragmatische Ziele setzt, idealistisch denkt, aber in Machbarkeitsschritten handelt.
3. Lösungsorientierung macht noch keine Zukunftsgesellschaft: Der Weltverbesserer 2.0 ist zweifellos pragmatisch in der Bestimmung erreichbarer Ziele. Aber er ist idealistisch, was seine Selbstbeschreibung angeht. Er möchte eben nicht in einer durchpragmatisierten Realität leben, in der sich die Bindungskräfte zwischen Individuum und Gesellschaft darauf beschränken, Probleme zu lösen. Ohne die großen Erzählungen von einer besseren Gesellschaft und glückenden Beziehungen ist im 21. Jahrhundert kein sinnvoller Lebensentwurf möglich.
4. Pragmatismus – Idealismus – Realitätssinn: „Yes we can“ ist natürlich die momentane Leitvokabel für den Weltverbesserer 2.0. „Yes we can“ bedeutet für ihn aber auch, dass es eine neue Beziehungs- und Vertrauenskultur zwischen Wirtschaft und Gesellschaft gibt. Das Nebeneinander der Realitäten Wirtschaft und Gesellschaft hat zur Finanzkrise geführt. Ein Bigbrother-Staat als Oberaufseher der Wirtschaft wird unsere Zukunftsprobleme nicht lösen und ist darüber hinaus vom Wähler mehrmals abgewählt worden. Weltverbesserung 2.0 heißt vor allem auch: Wirtschaft und Gesellschaft zu einer neuen Liaison zu animieren. Dabei müssen die Ziele pragmatisch ausgehandelt werden – für die Erstellung des Masterplans brauchen wir aber einen zukunftsfrohen Idealismus mit Realitätssinn.
