Mi
18
Nov
2009
Droht uns eine Alterstragödie: Warum es so wichtig ist, auf einen Megatrend wie Alterung zu reagieren
Quelle: Statistisches Bundesamt 2009: Das Umkippen der Alterspyramide
Heute wird Wolfgang Joop 65 Jahre. Sieht man ihm ja wirklich nicht an. Wie macht der das nur? Ich halte Joop für einen der klügsten Zeitgeistbeobachter dieses Landes, einer von wenigen Trendanalytikern, denen man keine Trends erklären muss. Wolfgang Joop verkörpert mit seinem stolzen Alter genauer gesagt einen Megatrend, den wir meines Erachtens in seinen dramatischen Konsequenzen immer noch nicht richtig verstanden haben: die alternde Gesellschaft.
Wie das statistische Bundesamt meldet, wird im Jahr 2060 jeder dritte Deutsche 65 Jahre alt sein, jeder Siebente wird 80 Jahre alt sein. Der soziodemografische Wandel wird also dramatischer ausfallen als wir das bis vor kurzem noch eingeschätzt hatten. Die offensichtlichen Konsequenzen:
- Eine arbeitslose Vorruhestandsgesellschaft? Wir müssen uns schnellstens Gedanken machen, wie wir das mit dem Umkippen der Bevölkerungspyramide einhergehende Produktivitätsproblem lösen. Eine offensichtliche Disbalance zwischen Arbeitenden und Ruheständlern zwingt uns unter anderem zu einer neuen Einwanderungspolitik.
- Es gibt keine Generationengerechtigkeit mehr: Wir müssen nicht nur ein modernes Einwanderungsland werden, wir müssen unsere Alters- und Gesundheitsversorgung auf neue Füße stellen. Die Logik der Generationengerechtigkeit funktioniert schon lange nicht mehr. Wir brauchen schlicht und ergreifend ein neues Modell.
- Die Altersrevolution der Märkte: Wir müssen uns frühzeitig auf die soziokulturellen und sozialpsychologischen Veränderungen einstellen, die durch diesen Wandel auf uns zukommen. Gesundheitsmarkt, Service-Märkte, so etwas wie Deep Support (tief reichende Unterstützung der (älteren) Menschen in bestimmten Lebenslagen) werden sich in den nächsten Jahren fundamental neu definieren, weil sie mit neue Aufgabenstellungen konfrontiert werden.
- Alterung führt zu vollkommen neuen Gesellschaftsformen: Wir können auf diese Prognose nicht mit Gelassenheit oder Abwarten reagieren. Soziodemografische Trends lassen sich nicht kurzfristig durch Reförmchen korrigieren. Wir müssen unsere gesamten Versorgungssysteme in den nächsten Jahren von dem alten Modell der Generationenabfolge entkoppeln. Das wird den genetischen Code unserer Gesellschaft umschreiben.
- Graue Zukunftsmärkte: Last but not least werden wir eine komplette Neuordnung unserer Konsummärkte erleben. Die rund 1,5 Billionen Euro, die in Deutschland jährlich für den Konsum ausgegeben werden, werden in absehbarer Zeit vollkommen anders verteilt. Die Uruheständler geben schon jetzt mehr Geld für Urlaub aus als die Menschen in der „Rushour des Lebens“ (zwischen 35 und 50 Jahren).
Trendeinschätzung: Es ist nicht nur die Frage, wie wir alle als Konsumenten dem Alter begegnen. Schon längst hat sich eine Alterungskultur des „zweiten Aufbruchs“ durchgesetzt. Das heißt, die heute 60- bis 75-Jährigen ignorieren die willkürliche Zäsur mit 65. Laut Studien fühlen wir uns ja ohnehin sieben bis elf Jahre jünger als wir wirklich sind. Wir werden als immer älter – fühlen uns dabei aber immer jünger. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite steht die knallharte Realität, mit der uns jeder Megatrend konfrontiert. Megatrends sind Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft, die in einem Zeitraum von mindestens 30 Jahren alle Ebenen unseres Lebens transformieren werden. Gesundheit, Digitalisierung, Globalisierung, female empowerment sind solche Megatrends. Und natürlich auch die Alterung der Gesellschaft.
Wenn es uns in den nächsten fünf bis zehn Jahren nicht gelingt, antworten auf die demografische Revolution zu finden, hinterlassen wir unseren Kindern eine Gesellschaft, die von Ungleichzeitigkeiten zerrissen wird: Hohes Lohnniveau, geringe Produktivität, hohes Wohlstandsniveau, überalterte Belegschaften, steigende Gesundheitskosten, unterfinanziertes Gesundheitssystem...Megatrends verlangen von uns schnellen Reaktionen, auf existenzielle Probleme, die sozusagen den genetischen Code unseres Gesellschaftssystems beeinflussen. Deswegen sollten wir jetzt endlich Antworten auf die soziodemografische Herausforderung finden und sie nachhaltig in unseren politischen und ökonomischen Konzepten verankern. Veränderung passiert – vor unseren Augen! Die Alterung der Gesellschaft wird seit Mitte der 1990er Jahre in den Medien journalistisch begleitet, wirklich bahnbrechende Innovationen haben wir bislang noch nicht vorgelegt. Es ist aber die Frage, ob wir jetzt die Kurve kriegen und zumindest eine Komödie des Alters auf die Beine stellen können, wie es Martin Walser im aktuellen Cicero beschrieben hat, oder ob wir in der Zukunft eine Tragödie erleben.
