Der Klimawandel verändert Märkte und macht aus ausgewiesenen Tüftler-Nischen plötzlich aufmerksamkeitsstarke Wachstumsbranchen. Das wiederum verführt dazu, Produkte auf den Markt zu werfen, die
* zeigeistig sein möchten, indem sie „etwas völlig anders machen“ (möchten),
* zeitgeistig sein wollen, indem sie Antworten auf (vorgeblich) neue Bedürfnisse geben,
* zeitgeistig sein wollen, indem sie Lösungen für alltägliche Probleme anbieten.
Das Fahrrad hat in den vergangenen Jahren eine solche zeitgeistige Aufwertung erfahren. Ehrgeizige Designer, die früher Kopfstützen oder Fensterheber von Luxusautos verschlimmbesserten, stürzen sich jetzt auf die klimafreundlichen Zweiräder. Und das mit fragwürdigem Erfolg, wie Joey Ruiters Bike für die urbane Zukunft zeigt.
Das Produkt: Neuer Radantrieb für die postfossile Mobilitätskultur
Hier findet ihr ein solches bedenkliches designerisches Ausrufezeichen, das den Hype ums Radeln in postfossilen Zeiten nutzen möchte und dabei bei einem Modell angekommen ist, das höchstens den freien Flug über edelgestaltete Lenkstange fördert. Die Lust am coolen Design hat bei dem Großstadt-Fahrrad dazu geführt, dass ein Bike so minimalistisch wie eine Stehlampe von Artemide daher kommt. Das Velo hat keine Kette, und die Pedalen, die das Konzept-Drahtesel antreiben, sind am Hinterrad befestigt. J.Ruiter, ein Designer aus Michigan, hat dieses Rad entwickelt. Seine Form, der enge Radstand und der Verzicht auf Kettenantrieb soll es für die überfüllten Fahrradwege in der urbanen Zukunft unverzichtbar machen.
Die Schwachstelle: Ein Fahrrad sollte nicht nach Richtlinien von PKWs erdacht werden
Doch wer braucht als Radler einen kleinen Wendekreis, wenn er sowieso jeder Zeit absteigen kann? Hier hat ein Fahrzeug-Designer versucht, den Trend des Bikens zu nutzen. Doch wir möchten in Zukunft lieber Produkte von Bikern für Biker, von Dachdeckern für Dackdecker und von Fliegenfischern für Fliegenfischer. Zweifellos, eine Parole der Stunden lautet: Design matters. Design ist mehr als Verpackung und Form, es macht einen Gegenstand liebenswert und verleiht ihm erst seine Einzigartigkeit. Bei J. Ruiters Fahrrad gelingt dem Design keine eigene Wertsetzung - es stört einfach in seiner minimalistischen Perfektion. Der Sattel wirkt so unbezwingbar wie ein Nagelbrett. Und alles ist in ein kippliges, kopflastiges Fortbewegungsszenario eingebunden, bei dem wir gar nicht wissen möchten, wie weit man fliegt, wenn eine Vollbremsung vonnöten ist.
Trend-Einschätzung: Trend-Opportunismus führt zu „Unnutzbarkeit“
Es bestätigt sich wieder einmal eine trendforscherische Grundregel: Die überzüchtete Schwerpunktsetzung auf Nützlichkeit, führt nicht selten zu kruder Unbrauchbarkeit. Hier war ein von Materialien und Formen begeisterter Designer am Werk, der kurzentschlossen auf einen Microtrend wie „Radeln in urbanen Zonen“ aufgesprungen ist. Für diese Bedürfnislage (die tatsächlich in den nächsten Jahren große Marktchancen haben wird) würde ich mir eher einen Beitrag von einem durch unzählige Terminfahrten gestählten New Yorker Fahrradkurier wünschen.
Wie man es richtig macht: Funriki Bikes
Leider hat sich Ruiter nicht von den wunderbaren „Funriki“ Bikes aus Japan inspirieren. Diese in Kyoto hergestellten „Funräder“ waren vom Hersteller Diatech zunächst für den professionellen Rennsport geplant, erlangten aufgrund von Funktionalität und Design jedoch eine solche Bekanntheit, das die Firma auf den breiteren Freizeitmarkt expandierte.
