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06

Nov

2009

Das Opel Desaster, wie das Auto neu erfunden werden muss und warum Populismus ein Verbrechen an der Zukunft ist, 4 Thesen

Tun wir nur so oder sind wir wirklich naiv? Seit zwei Jahren wissen wir, dass wir in Deutschland auf absehbare Zeit nicht mehr als 3,5 Millionen Neuwagen verkaufen werden.

Nach Honda und BMW hat sich jetzt auch Toyota aus der Formel 1 zurückgezogen (und Renault, so war es heute überall zu lesen, wird auch noch folgen). Wir erleben gerade das Abdanken des Automobils, der Ikone des - ja des 20. Jahrhunderts, nicht des 21. Jahrhunderts. Der Film, Bilder in Bewegung versetzt, und das Auto mit seinem Versprechen unbegrenzter Mobilität und Individualität, das sind die großen Erzählungen des 20. Jahrhunderts. Doch diese Zeit geht Ihrem Ende zu. 

 

Die Ikonen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, das sind bislang die pixeligen Bilder der Fotohandys, die Eleganz von Apple und die Marketing-Egos der Twitter-Communities und die kleinen klugen Apps auf den Smart Phones.

 

Aber was haben diese Trends noch mit Opel und unserer zerbröckelnden Autokultur zu tun? Eben! Nichts mehr. Das geräumige Familienauto als Wohlstandssymbol, der Mercedes als Statussymbol haben sich längst überlebt. Aus heutiger Sich muten die benzinversprühenden Opel Admirals Commodores, Rekords und wie sie alle hießen wie direkte Nachkommen der sperrigen Postkutschen des 18. Jahrhunderts an. Aber nicht wie moderne und umweltgerechte Mobilitätsoptionen des 21. Jahrhunderts. Abschied tut weh, durch Abschiede entstehen aber auch neue Möglichkeiten, entsteht Zukunft. 

 

Was lehrt uns das Opel-Desaster, vier Thesen?

 

1. Tabula Rasa unter der Motorhaube – die Idee des Autos muss neu geboren werden und wird sich über postfossile Antriebskonzepte definieren

Unter der Motorhaube unserer Autos wird in de nächsten Jahren nichts mehr so sein, wie es einmal war. Um das kalauernde Bild noch weiter zu strapazieren: Unter den Motorhauben des 21. Jahrhunderts werden völlig neue technische Instrumente eingebaut, bzw. die Motorhaube wird möglicherweise gar keinen Motor im klassischen Sinne mehr beherbergen. Und da liegt der neue Trend: Die zukünftigen Innovationen in der (Auto-)Mobilität werden grüne Innovationen – der Weg in die postfossile Autozukunft ist vorgezeichnet.

 

2. Das Schlimmste am Parteienpopulismus: er verleugnet gesellschaftlichen Wandel und verhindert ökonomische Zukunft

Spiegel-Online hat gleich nach dem Erscheinen der Meldung vom Opel-Desaster den richtigen Bezug ins politische Feld hergestellt und in dem Opel-Desaster einen dreisten Akt des parteipolitischen Populismus ausgemacht. Eine treffende Formulierung. Von links bis rechts überboten sich alle wahlkämpfenden Parteien darin,  einen handlungsfähigen Staat vorzugaukeln, obwohl ihn die Bürger – was Umfragen belegen – längst nicht mehr in dieser Rolle als Lebensretter sehen wollten. Aber es steckt noch mehr dahinter: Es ist nicht nur fahrlässig populistisch, die Interventionsmöglichkeiten des Staates wahlkampfopportunistisch zu missbrauchen. Es ist populistisch, den Menschen Zukunft und Hoffnung vorzugaukeln, wo Trends in der Gesellschaft längst in eine andere Richtung laufen. Ich meine damit den fahrlässigen Irrglauben, wir könnten an unserer fossilen Autogesellschaft fröhlich weiterproduzieren wie noch vor 50 Jahren. Dabei haben die Leute – zumal die jungen Familien – längst die Autogesellschaft aus ihren Relevanzsystemen verabschiedet.  Die Konsumavantgarden der Zukunft möchten in urbanen Lebenswelten leben, Zeitsouveränität genießen und ihre Mobilität netzwerkartig organisieren.

 

3. Opel ist der Verlierer eines Wandels von Lebensstilpräferenzen – und eine Volumenmarke lässt sich nicht im werblichen Handumdrehen in den Premiumhimmel katapultieren

Opel ist ein Opfer der gleichmacherischen Weltautoproduktion der amerikanischen Konzernmutter GM geworden. Und aus einer stilistischen Geschmacksverwirrung wurde ein noch größeres Problem: Opel versuchte zur Premiummarke aufzusteigen und lachte sich Franz Beckenbauer, Bayern München und den AC Mailand als Werbepartner an. Aber wer verbindet die Lichtgestalt des deutschen Fußballs mit einem Opel, der doch eher die Demokratisierung von Autowohlstand in der bundesrepublikanischen Geschichte verkörperte? Übrigens verpasste Opel damals die epochale Chance, zur weltweit ersten Öko-Automarke aufzusteigen. In dem Werbespot aus der Katalysator-Ära 1990 („What a wonderful world“) gehört Opel definitiv noch zu den technologischen Weltmarktführern. Vier Jahre später („Wir haben verstanden“) zur Einführung der Familyvans war das Zielgruppenbekenntnis ernst gemeint, aber es griff ins Leere einer sich zunehmend individualisierenden Patchwork-Gesellschaft. 

 

4. Opel musste erfahren: Trends (und Zielgruppen) kann man nicht erfinden und global gestreamlinte Produkte widersprechen diametral der Marktlogik des 21. Jahrhunderts 

Opel ist schon vor einigen Jahren die Zielgruppe abhanden gekommen. Spätestens im Laufe der 1990er Jahre haben sich die Facharbeiter mit Eigenheim, Zweikind-Familie und Opel vor der Tür aus unserer sozialen Welt verabschiedet. Das war der eigentliche Bruch. Es folgten nichtssagendes Global-Design, die dauerreüssierende Werbe- und Plattitüden-Ikone Franz Beckenbauer („Joh rrriiichtig“), Überkapazitäten und das Verschwinden des klassischen Facharbeiters brachten Opel schon Ende der 1990er Jahre in arge Bedrängnis. Beckenbauer gondelte weltmännisch durch Paris während Schwimmdiva Franzi van Almsick mit dem jugendlich aufgebrezelten Tigra in New York fast baden ging. Neue „Selbstverwirklichungsmilieus“ und „Lifestyle-Zielgruppen“ erreichte das längst nicht mehr, die hatten längst ihre Leasingverträge mit BMW klargemacht. 

 

Die Situation in den nächsten Jahren: Ich habe im vergangenen Jahr in einer Studie zusammen mit der Unternehmensberatung Arthur D. Little auf den Wandel von der automobilen Gesellschaft hin zu einer Gesellschaft des modularen Mobilitäts-Managements hingewiesen – statt Autos werden zukünftig Ermöglichungs-Dienstleistungen gekauft.  Dabei werden wir uns definitiv nicht von der individuellen Mobilität verabschieden. Zwei Megatrends werden diese Entwicklung ganz besonders unterstützen: Neo-Ökologie und Individualisierung. Allerdings reden wir dann nicht mehr zwangsläufig über Automobilität, sondern über personalisiertes Mobilitäts-Management. Wir erleben gerade eine Phase der vehementen strukturellen Entkopplungen. Aus Konsumenten werden Prosumenten, aus Rezipienten aktive und kritische Nutzer, Energie (und Mobilität) ist nicht mehr selbstverständlich wie noch vor drei Jahren. Positiv gewendet: Wenn in der Gesellschaft etwas knirscht, dann wachsen in der Regel auch neue Trends – es brechen aber auch alte Märkte und Marktgesetzlichkeiten zusammen. Der nächste Knall steht schon vor der Tür, den Verlagen geht die Luft aus, weil unser Umgang mit Information gerade einem fundamentalen Wandel unterworfen ist. In einer solchen Situation ist es fahrlässig, an den Veränderungsprozessen vorbeizuschauen, wie es uns die Politik am Beispiel des Opel-Desasters vorgemacht hat. Trendvergessenheit ist eine Form von Realitätsverleugnung, die wir uns nicht länger gönnen können. 


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1 Kommentar

  • #1

    MarcRaps (Freitag, 06 November 2009 14:42)

    Die Lobbyisten fehlen, die in den Parteien und in Ihren Unternehmen ökologische Innovationen verhindern und verschleppen. Der Ausblick auf die kommenden Jahre ist top!

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