Di

27

Okt

2009

Für eine zukunftsoffene Öko-Politik, fünf Thesen, Teil 2 des Essays zu NatureNostalghia und Greenomics

1. Es gibt kein „Zurück-zu“ – wir sind zur Innovation verdammt

Okay, die große Sustainability-Welle rollt. Es gibt definitiv kein Unternehmen mehr, das sich nicht mit einem Umweltprogramm den Spielregeln einer grünen oder zumindest grün angehauchten Ökonomie unterwirft. Von millionenteuren TV-Spots bei Nike bis zum Umweltvermeidungsprogramm der Schlosserei ist alles nachhaltig. 

Dabei bräuchten wir etwas ganz anderes. Wir bräuchten einen neuen Kreativitätsschub. Viele haben in den vergangenen zwölf Monaten von einer 3. Industriellen Revolution oder Business 3.0 gesprochen (wir auch). Nils Simon hat die Diskussion jüngst in CARTA brillant zusammengefasst. Es kommt für die nächsten Jahre darauf an, tatsächlich eine neue Logik der Produktion, eine neue Industrieintelligenz, mithin eine neue Warenwelt zu ersinnen. Der Anspruch ist riesengroß. Aber wenn wir nicht an die Intelligenz unserer Wirtschaft glauben, an was denn sonst. Wir müssen den nächsten Schritt in der Öko-Kommunikation machen: Ökoeffizienz darf nicht als regressives „Zurück-zu“ und autoritär-betroffenes „Maßhalten!“ missverstanden werden. Wenn wir nur in Sack und Asche gehen und nur Ausstöße und Verbräuche minimieren, bleiben wir bei Schadensbegrenzungen stehen, die die Katastrophe nur aufschieben helfen.

 

2. Returnity: Die postfossile Gesellschaft schafft den Müll ab 

Michael Braungart, Gründer der GRÜNEN und von Greenpeace in Deutschland und Kopf der „cradle-to-cradle“-Bewegung, hängt sich an dem sehr deutschen Konstrukt von „Mutter Natur“ auf. Hinter dem Anrufen von „Mutter Natur“ steckt der Irrglaube, dass die Natur uns schon ernähren wird, wenn wir nur brav sind. Aber die Gleichung funktioniert schon lange nicht mehr: 95 % der Menschen, die jemals auf der Erde lebten, wurden nicht älter als 30 Jahre. Das heißt: Wir müssen unsere Lebensbedingungen permanent an die demografische Entwicklung, Ökologie etc. anpassen. Cradle-to-cradle verspricht, dass jedes Produkt grundsätzlich „mehrere Leben“ hat, weil es in neue intelligente Wertstoffkreisläufe eingebunden wird. Unternehmen aus solch unterschiedlichen Branchen wie Remondis (Wasser- und Kreislaufwirtschaft), Steelcase (Weltmarktführer Büromöbel) oder Triumph (Weltmarktführer Damenunterbekleidung) setzen neue Produktionslogiken bereits um.

 

3. Es wird Zeit, statt des romantischen Bewahrens von Natur eine neue Natur-Partnerschaft ins Werk zu setzen

In der Tat wird es höchste Zeit, mit einer romantischen Idee in unserem Naturverständnis aufzuräumen. Es hilft einfach nicht, gerade zum jetzigen Zeitpunkt, Natur nostalgisch zu betrauern und zu bedauern und dabei einen gigantischen Schuldkomplex aufzubauen. Im genetischen Code des Nachhaltigkeits-Gedankens, wie wir ihn bislang kennen, steckt das schlechte Gewissen, dass der Mensch mit seiner Existenz auf der Erde nur dazu beigetragen hat, die natürlichen Grundlagen des Lebens zu zerstören. Diese fatale Logik, die auch beispielsweise in den Bemühungen Al Gores immer wieder mitschwingt, würde es in letzter Konsequenz rechtfertigen, weniger Menschen auf der Erde für erstrebenswert zu halten, was schlicht und einfach menschenverachtend ist. Es gibt keinen "Nullpunkt der Natur", an den wir zurück müssen. Schluss mit dem Naturfundamentalismus! Wir müssen die Natur als robusten Lebenspartner adressieren und nicht als wankelmütige Geliebte.  

 

4. Die Klimawandel- und Nachhaltigkeitsdiskussion droht in einen Fatalismus-Diskurs abzurutschen. Das hat auch damit zu tun, dass wir Natur immer noch zu stark unter dem Paradigma des Bewahrens begreifen

Eine Paradoxie: Die Deutschen stellen neue Weltbestleistungen auf, wenn es darum geht, dem Sustainability- und Bio-Trend zu folgen: Laut einer LOHAS-Studie von Ernst & Young sind gigantische 77 % der repräsentativ befragten Deutschen bereit, „für ein umfassendes Warenangebot aus garantiert nachhaltiger Produktion den Händler zu wechseln“. Leitet man die Frage vom Konsum weg und fragt relativ unspektakulär – wie beispielsweise Allensbach – nach ihrem Verhältnis zum Umweltschutz, stellt man jedoch eine überraschend große Indifferenz fest: Laut einer aktuellen Umfrage interessieren sich 54 % der Deutschen „auch, aber nicht so sehr“ für Natur- und Umweltschutz. 23 % „kaum oder gar nicht“ und nur 23 % „ganz besonders“. Wir haben im vergangenen Jahr in Kooperation mit Roper/GfK in 15 Ländern nach den kollektiven Grundbefindlichkeiten gefragt. Bezüglich Klimawandel zeigte sich in der Mehrzahl der Länder große Ratlosigkeit: In Deutschland und Spanien glauben immerhin noch 44 %, dass sie gegen den Klimawandel etwas ausrichten können. In Schweden sind es 30 %, in den USA gerade einmal 29 % und in Russland gar nur 5 %. 

 

5. Die Ökobewegung ist tot, es lebe die neue Öko-Gesellschaft!

Michael Shellenberger und Ted Nordhaus haben bereits 2004 provokativ „The End of Enviromentalism“ postuliert. Oder anders ausgedrückt: Das Umweltthema ist viel zu wichtig, als das man es den Umweltschützern überlassen könnte! Wir dürfen auf dem Weg zu Greenomics nicht stehen bleiben. Wer Natur nur bewahren möchte, lügt sich die Umwelt schön und handelt verantwortungslos. Was wir brauchen, ist keine hübsche Natur-Prinzessin, sondern eine erwachsene Partnerschaft. Doch dafür müssen wir gesellschaftspolitische Weichenstellungen treffen. Lebensstile (es gibt kaum etwas Unbeweglicheres als Lebensstile) und soziodemografische Entwicklung auf dem Erdball belegen, dass wir mit dem naiven Nachhaltigkeitspostulat nicht weiter kommen. Wir brauchen eine neue Innovationspolitik, bei der immer klar sein muss, dass nur das in Zukunft innovativ sein wird, was „grün“ ist und nur das wirklich ökoeffizient ist, was eine neugrüne Industrie antreibt. Als ich unmittelbar vor der Bundestagswahl auf Spiegel-Online unser Zukunftsszenario veröffentlicht habe, war ich mir eigentlich sicher, dass die Weichenstellungen in Richtung Greenomics für die nächsten Jahre klar sein müssten. Tatsächlich fand das Greenomics-Szenarion auf der Seite des Zukunftsinstituts auch die größte Zustimmung. Allerdings nicht in dem Maße, wie wir es erwartet hatten: 39 % der Befragten votierten für eine neogrüne Digitalökonomnie, aber auch 34,7 % wünschten sich einen „Rheinischen Retro-Kapitalismus“ nach dem hergebrachten Modell. Vorerst hat uns die Vergangenheit eingeholt, die trügerische Rückkehr zur ökonomischen Vernunft regiert - und zwar in schwarzgelb. Doch wir können uns eigentlich kein Zurückfallen im ökosozialen Modernisierungsprozess mehr leisten.

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