Es hat wirklich nichts mit dem wirtschaftlichen Abschwung zu tun. Trotzdem
beginnen wir uns wieder stärker für klassische Kultur zu interessieren.
In Deutschland sind Museen gerade (wieder) der große Renner. Und es sind ausgerechnet Naturwissenschaften und Technik, die die Menschen anziehen. Im mittlerweile legendären Giessener Mathematikum wurde anfangs mit 60.000 Besuchern pro Jahr gerechnet. Jetzt sind es 150.000, und es werden immer mehr. Fernseh und Computerspiel-Konsum haben die neue Lust an Bildung und Weltwissen offenbar nicht aufhalten können.
Und die Museen in Deutschland treffen ganz offensichtlich den Nerv der Zeit. „Museumslandschaft“, das wäre zu wenig, befand dann auch die Wochenzeitung „Die Zeit“. Deutschland ist ein Museumsdschungel, „ein Urwald des Schönen und der Erinnerung“.
- Museen lassen Fußball hinter sich: Schon jetzt gibt es hier mehr Museen als irgendwo sonst. Über 6.000 sind es, darunter 600 für die Kunst. Und die Gründungslust hält an. Die Fußball-Bundesliga kann jährlich ca. zehn Millionen Zuschauer verzeichnen. Deutschlands Museen verzeichnen jährlich über 100 Millionen Besuche. Die gleiche Tendenz in Großbritannien: 1999/2000 strömten 24 Millionen Besucher in die größten Museen des Königreichs, in den Jahren 2007/2008 waren es gigantische 40 Millionen.
- Klassik ohne Klassikerpublikum: Auch in England entsteht um die klassische Bildung ein neuer Hype. Der britische Privatsender Classic FM kam innerhalb von vier Monaten auf 4,2 Millionen Hörer pro Woche. Das moderne Klassikradio, das die Schwellenangst gegenüber der anspruchsvollen Musik durch erläuternde Magazine nimmt, hat den konservativen Konkurrenten Radio 3 in kürzester Zeit überholt und ist zum erfolgreichsten Privatradio des Königreichs aufgestiegen. Allerdings gehört zu einem erfolgreichen Kanal für klassische Musik im 21. Jahrhundert eine intensive Kundenpflege.
- Mit Barbie in die Symphonie: Classic FM geht ohne bildungsbürgerlichen Dünkel auf den Markt und unterfüttert die Klassikbegeisterung seiner Hörer mit weiteren Produkten. Gelegenheitshörer können ihre realen oder gefühlten Bildungslücken über Guidebooks und Einsteigerliteratur kompensieren. Die Kenner und Enthusiasten können ein monatliches Klassik-Magazin abonnieren. So zuverlässig funktionieren Zielgruppenstrategien selbst beim schwierigen Thema klassische Musik und Bildungsbürgerkultur: Zu Weihnachten 2008 reüssierte Classic FM in Liverpool mit einem Weihnachtskonzert für Mädchen, die ohne Barbies nicht mehr aus dem Haus gehen, Motto: „Barbie at the Symphony“.
- Chor-Boom ist vor allem katholisch: Der Film „Wie im Himmel“ löste in Schweden einen wahren Chor-Boom aus und führte zu einer Verdoppelung der Hobby-Sänger. Die katholische Kirchenmusik in Deutschland geht „gegen den Trend“, Menschen entdecken die Lust am gemeinsamen Singen wieder. Die neueste Erhebung für den deutschen „Musikalmanach“ weist aus, dass sowohl die Zahl der Ensembles als auch die Zahl der Chormitglieder im katholischen Bereich zwischen 1993 und 2002 um gut 100.000 auf ca. 417.000 gestiegen ist. Der Anteil der Jugendlichen liegt mit 21,6 % deutlich höher als bei den weltlichen Chorgruppen.
