Sa

24

Okt

2009

Weekend-Essay: Nature-Nostalghia und was das über den Wertewandel in der Gesellschaft aussagt, Teil 1

Vogelküken, die hungrig und lebensbegierig ihre Schnäbel nach oben strecken, Grillen zirpen, sanfte Hügel, grüne Wälder, irgendwo im südlichen Devon in England. Rührend und aufrüttelnd zugleich ist die BBC-Dokumentation „A Farm for the Future“.  Die Protagonistin, Rebecca Hosking, eine erfolgreiche Wildlife-Filmemacherin, kehrt auf die Farm ihrer Eltern zurück: „If our farm ist to survive, it will have to change“.Mit hochemotionalen Bildern wird auf die simple Schönheit der Natur hingewiesen. „Wildlife“ hat sich auf der Farm erhalten, Rehe werden gefüttert, Dachse schauen vertraut in die Kamera, eine Pastorale. Der Eindruck: Mensch und Tier leben in einer symbiotischen Partnerschaft.

 

Natur-Nostalgie: Das unveränderliche Walten der Natur wird zum Trendraum

Trends sind nicht hippes oder chiques, sie sind Anzeichen für zukünftige gesellschaftliche und ökonomische Veränderungen in der Gegenwart. Natur war noch nie trendverdächtig. Doch jetzt, wo ihr Ewigkeitswert durch den Klimawandel in Zweifel gezogen wird, rockt das ebenso deutsche wie romantische Thema die Zukunfts-Agenda.

Es ist ein menschlicher Zug, dass wir das, was uns abhanden kommt, gerne bewahren wollen. Wenn etwas verschwindet oder zerstört wird, bekommt es dadurch größere Aufmerksamkeit. Genau das passiert momentan mit Natur und unserer etwas in die Jahre gekommenen Vorstellung von Natur. Gerade in Deutschland wird nichts mit solch irrationalen Erwartungen und Sehnsüchten besetzt wie der Deutsche Wald und Natur (höchstens noch der Kölner Karneval und Weihnachten...). Im ersten Teil meines Wochenend-Essays zunächst die Belege, die auf die neue Natur-Nostalgie hinweisen:

 

Was bedeutet und wie verstehen wir Natur in Zeiten des Klimawandels?

Seit drei bis vier Jahren hat das Thema Natur den Höhenkamm der Gelehrtendiskurse erreicht. Sloterdijk bezieht sich auf Bruno Latours „Parlament der Dinge“. Ein neues Öko-Bewusstsein gehört für Sloterdijk zu den Schlüsselvoraussetzungen unserer Zukunft. Was man als Sloterdijk natürlich nicht so sagt, sondern so. „Auch die zweite makropolitische Aufgabe der Zukunft: die Integration der nichtmenschlichen Akteure, der Lebewesen, der Ökosysteme, der >Dinge< überhaupt, in den Bereich der Zivilisation, hat mit den Fragestellungen der herkömmlichen Geschichte nichts mehr gemeinsam.“ (Peter Sloterdijk: „Zorn und Zeit“, S.71).

 

Sloterdijk konstatiert nichts weniger als einen Zivilisationsbruch. Nichts ist mehr so wie früher. Es reicht uns nicht mehr, nur aus Erfahrung klug zu werden. Wer möchte, der kann aus Sloterdijks Überlegungen von 2006 schon eine Vorahnung des Finanzcrashs herauslesen. Wer weiter denkt, kommt darauf, dass auch vor der Finanzkrise von oberster philosophischer Instanz die Dringlichkeit eines neuen Ansatzes in der Öko-Politik gesehen wurde.  

 

Natur-Nostalgie in Medien, Konsum und Popkultur

  • Ein Idyllen-Magazin stellt den Zeitschriftenmarkt auf den Kopf: „LandLust“ ist Natur-Nostalgie in Reinform. Es ist der sensationelle Erfolg eines Magazins, das in der momentanen Situation der Print-Dämmerung, wo die Brieftasche des Anzeigenkunden regiert, atemberaubende Auflagenerfolge feiert. LandLust, Provinz, Naturschönheit, einfaches Leben und Magazin, das passte bisher gar nicht zusammen. Und dann kommt das Magazin auch noch vom – Landwirtschaftsverlag! – in Münster! „Landlust“ kommt mittlerweile auf eine verkaufte Auflage von fast 550.000 Stück und wird demnächst „Bravo“ (555.000) überholen und den Focus (614.000) angreifen. Einen themenverwandten Konkurrenten wie GEO (362.000) hat das Provinzpathos-Magazin längst abgehängt.
  • Die Wandermarke RothaarsteigVor vier oder fünf Jahren meldete sich der Deutsche Alpenverein bei mir und bekundete Ratlosigkeit angesichts der Tatsache, dass immer mehr Menschen und vor allem junge Menschen auf die Berge stürmen. Seit knapp fünf Jahren haben wir einen Outdoor-Hype, der seinesgleichen sucht. Durchgestylte Wanderwege in kalten deutschen Fichtenwäldern, die sich als Frischluftmarke präsentieren. Bei Outdoor-Label wie Jack Wolfskin, Globetrotter und endlich viele neue Marken aus Norwegen und den USA stehen die Investoren mit ihren Geldkoffern Schlange  
  • Der Bach plätschert im Diskurspop: Blumfeld hat mit seiner letzten Platte der neuen Naturanbetung gehuldigt. Die Verse erinnern an Eichendorf. Der naive Blick auf die einfache Schönheit der Natur wird popkulturell nobilitiert. Es lohnt sich, einen Moment auf die Texte zu schauen, denn sie irritieren in ihrem euphorischnaiven Bezug auf Natur. Das Liede „Der Fluss: „Er dringt aus dem Stein, fast schüchtern und schwach...plätschert und rauscht durch die Welle ins Tal...und die Flößer sie fahren auf dem Strom, an Ruinen vorbei, Wellenton, so erhaben und frei...“: Die Lieder der Romantik, Schumann und Schubert kommen einem beim Anhören in den Sinn. Natur wird beseelt, wird Thema und erhält ein Eigenleben. Ungezählte Adjektive gibt Kultsänger Distelmeyer seinem Fluss mit auf den Weg, auch über die Grenzen des Kitschigen hinaus („...Horcht, wie er tönt, wie er wirbelt und raunt, röchelt und stöhnt...er spielt mit dem Licht und glänzt wie Metall, bis die Tiefe ihn bricht zum tosenden Fall...“). 
  • Der Literat im Naturrausch: Ein zeitgeistbewusster Literat wie Andreas Meier schreibt ein Buch über seine Leidenschaft für Vogelstimmen und Baumanatomien. Naturachtsamkeit und Neoromantik vermischen sich: „Neulich saßen wir beide mit einem langjährigen Freund auf der Terrasse eines Landgasthofes im Odenwald, in einem kleinen Ort namens Bullau, und uns gegenüber stand ein großer, alter Birnbaum. Wir sagten zum Wirt, das sei ein ziemlich großer, schöner Birnbaum, und unser Bekannter schaute uns fragend an. Für ihn war das bis eben ein Baum gewesen, jetzt war es ein Birnbaum. Wenn er gefragt hätte, woran wir das erkennen, hätten wir es ihm erklären können, es ist ja ganz einfach.“ Intellektuelle, die bislang ihre Köpfe in Bücher steckten, entdecken das birnenförmige Geäst eines Birnenbaums, entdecken Ehrenpreis (ein Wegerichtgewächs) und Bewegungseigenheiten von Tauben. Andreas Maiers Birnbaum steht nicht wie bei Fontane im Garten und wirft Obst ab für die Kinder, sondern er ist eine eigene naturschöne Persönlichkeit.

 

Teil 2: Fünf Thesen zur Öko-Politik der Zukunft: Wie wir mit Natur im 21. Jahrhundert und angesichts des Klimawandels umgehen müssen.


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