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09

Okt

2009

Brauchen wir eine grüne APO? oder die Uni-Soziologie leidet weiter an ihrer Praxisferne und träumt von eine neuen Revolution, 4 Beobachtungen

Zum neuen Buch von Claus Leggewie und Harald Welzer: "Das Ende der Welt, wie wir sie kennen“. Gesellschaftswissenschaftliche Welterklärung zwischen Wut, Revolte und Ratlosigkeit

 

Jeder Mensch greift im alltäglichen Handeln auf gemachte Erfahrungen zurück. Das ist nicht mehr als legitim. Wenn sich jedoch die Wissenschaft (und zumal die universitären Spitzenkräfte unter ihnen) nur auf das Vorhandene stützt, wirkt sie schnell visions- und ratlos, hängt an geliebte Dinge das post-chique „2.0“ dran und redet von alten Zeiten. So habe ich mich am Ende ihres Buches „Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“ gefühlt: nachdem viele Fakten gewälzt und kluge Argumente abgewogen wurden, kommen die Uni-Intellektuellen zu dem Fazit, dass es höchste Zeit sei für eine „APO 2.0“. Und dann folgen die Sozio-Phrasen, die wirkliche Hülsen sind und die beiden bestimmt auch im Schlaf runterbeten können:Unsere APO 2.0 ist eine politische Assoziation aller, die zum erforderlichen Kulturwandel zu einer verantwortungsvollen und nachhaltigen Gesellschaft beitragen. Dazu gehören die geduldigen und enttäuschungsfesten Initiativen der Bürgergesellschaft ebenso wie die große öffentliche Protestfeste, Kundgebungen politischen Willens...“ 

 

...“enttäuschungsfest“, schönes Wort, „Kulturwandel“ kennen wir aus Sonntagsreden von SPD bis CDU, „nachhaltige Gesellschaft: sinnleerer geht es nicht mehr, hat das arme Wort Nachhaltigkeit denn überhaupt noch eine Bedeutung? Das ist alles so maximal unkonkret (und wird im Buch auch nicht konkreter), dass man schon ungeduldig wird.

 

1. Vom Wargaming zum Kulturwandel: Die Themenkonjunktur des (einstweilen) undurchschaubaren Klimathemas

Es ist niemals zu spät, gute Dinge zu tun und von Seiten der Uni-Soziologie endlich einmal das Thema Zukunft direkt zu „challengen“. Ich finde jedoch, dafür hätte es nicht so lange gebraucht und Harald Welzer hätte sich seine paranoide Version von den Klimakriegen sparen können. Rudolf Walther hat es in der Frankfurter Rundschau angemessen lakonisch auf den Punkt gebracht. Was tun die beiden Zeitgeist-Analytiker: „Allen reden über das Klima, wir auch. 

 

Noch im vergangenen Jahr schrieb Welzer in „Klimakriege“: „Die Klimaerwärmung, ein Ergebnis des unstillbaren Hungers nach fossiler Energie in den früh industrialisierten Ländern, trifft die ärmsten Regionen der Welt am härtesten; eine bittere Ironie, die jeder Erwartung Hohn spricht, dass das Leben gerecht sei."

Schön, dass nach dem martialischen (und öffentlichkeitswirksamen) Wargaming auch noch ein anderer Ansatz zur Lösung der Klimafrage erwogen wird. Vorerst müssen wir die Klimabedrohung mehr als ernst nehmen, allerdings fehlen uns noch immer handlungsleitende Erkenntnisse darüber, wie wir gegen die Erderwärmung vorgehen können und welche Konsequenzen ein mögliches CO2-Debakel für uns wirklich hat. Die naturwissenschaftliche Klimaforschung zermalmt sich in Expertenfehden und vermag keiner einheitlichen und lösungsorientierten Kommunikationsstrategie zu folgen. So geschieht mit einem existenziell bedrohenden Ereignis wie dem Klimawandel das, was auch anderen Schauergeschichten der Menschheit widerfuhr – sie wird einstweilen zu einem unerklärbaren Mythos.

 

2. Trübes Gemisch aus revolutionärer Geste und Medien-Pessimismus

Wer das neue Buch von Leggewie/Welzer genauer durchliest, dem fällt irgendwann ein kleiner grüner Klebebutton heraus. Hurra, die akademische Soziologie entdeckt ihre Wildheit und Jugendlichkeit wieder – und jetzt dann auch die Zukunft: „APO 2.0“ ist darauf zu lesen und „Change Agent“ mit dazugehöriger Twitteradresse: www.twitter.com/apo_changeagent. Ist das vom Zukunftsinstitut? ... Es hat wieder etwas Heldenhaftes, Revolutionen auszurufen. 

 

Natürlich sind Claus Leggewie und Harald Welzer good guys und kluge Köpfe, auf die man nicht verzichten möchte. Was mich jedoch zunehmend bei der universitären Sozialwissenschaft langweilt, ist, dass am Ende – egal bei welchem Thema – immer die gleichen Schlussfolgerungen purzeln. Sei es bei Leggewie/Welzer das Thema Klima oder Postpolitik oder Partizipation oder Finanzkrise – die Soziologen fordern, dass wir „soziologischer“ werden müssen, Bürgergesellschaft, Bürgergesellschaft, Bürgergesellschaft. Man könnte anschließend auch hergehen und die Geschichten von Unternehmen und Bürgerbewegungen erzählen, die sich schon jetzt auf eine postfossile Ökonomie einstellen – ich werde das in diesem Blog immer wieder tun. Aber das schein den Autoren zu kleinteilig und zu konkret. Es würde ihren Argumenten etwas von dem Fatalismus nehmen. Und obwohl sich die beiden ziemlich hip auf die 2.0-Logik eingeschossen haben, ist das Internet trotzdem nur eine einzige Enttäuschung: „Die neuen Medien setzen in vieler Hinsicht die Simulation und Manipulation der alten Medien fort und übertreffen sie noch...“ (S.219). Willkommen zurück in den 1970er Jahren, als die Medien als Manipulationsmaschinen (von links UND rechts) abqualifiziert wurden – statt zu registrieren, dass schon damals die Nutzer selbst viel ironischer und selbstbewusster mit den „bösen“ Medien umgingen. Auch das irritiert mich immer wieder an den Fachsoziologen: Frust über enttäuschte Revolten wird gerne bei den Medien abgeladen. Reflektierte Intellektuelle müssten aber eigentlich schon lange wissen, dass Medien nicht per se gut oder schlecht, rechts oder links sind – es kommt darauf an, sie emanzipatorisch zu nutzen (was viele der Menschen ja offenbar auch tun).

 

Und dann kommt in ihrem Zukunftsbuch immer wieder auch der Salonrevoluzzer durch, der ein bisschen gelangweilt und elitär auf das kulturelle Gewimmel der vergangenen 20 Jahre zurückschaut und seinen kulturkonservativen Affekten die Zügel schießen lässt: „Die 1990er Jahre werden einmal als Epoche in Erinnerung sein, die sich vor allem über zwei Errungenschaften definiert hat: die Dauerwerbesendung des Börsenfernsehens und die Instant-Kommunikation per Handy.“ (S.229) Trotzdem dürfen wir nach oder während der Lektüre mit den Autoren (oder ihrem akademischen Nachwuchs) in den Manipulationsmedien twittern (Adresse siehe oben).

 

3. Wie die LOHAS vertrauen die Heldinnen des Buches auf rettende Strategien des Alltags

Schön wenigstens, dass sie sich mit ihrer APO reloaded von den Ideologien verabschieden, die immer auf eine ferne Utopie (im Jenseits) vertröstete. Wir haben das bei den LOHAS genauso, aber mit mehr Sympathie für die Akteure selbst beschrieben. Frau K. und Anna H. sind - sicherlich nicht zufällig – zwei idealtypische Heldinnen, die im Dienste der Autoren (oder als naiv-radikaler Gegenentwurf) aktiv Denken und Handeln:

  • LOHAS-Konsum: Sie vertrauen auch auf den LOHAS-Wertewandel bzw. den strategischen oder politisierten Konsum, ohne Konsum zur Welterrettungsphilosophie zu erklären.
  • Slowfood: Auch der Verweis auf die slowfood-Bewegung ist weiß Gott kein neuer Fund, aber er zeigt alltagstaugliche Auswege aus dem Dilemma. (Pikanterweise ist aber die gesamte slow-Bewegung eine ideologische Geburt der Kommunistischen Partei Italiens)
  • Sehnsucht nach Gemeinschaft: Sie treten ein für eine kommunitaristische Kultur des Ehrenamtes und einer Lernkultur, die an Fehlern wächst. Leggewie und Welzer nennen das wie die Trendforscher auch: empowerment.

Dass Leggewie/Welzer sich jedoch ausgerechnet bei den Technokraten von behavorial finance bedienen müssen, um umständlich zu erklären, dass Menschen doch zum Verzicht zu bewegen sein könnten, wird mir nicht plausibel. (S. 176: „Verzicht als Gewinn“). 

 

4. Wir brauchen endlich einen Zukunfts-Diskurs, der über eine Worthülse wie Nachhaltigkeit hinausgeht

In eine Falle tappt der Diskurs von „Das Ende einer Welt, wie wir sie kannten“ dann aber ganz deftig: die Nachhaltigkeitsfalle. Die meisten Texte, die jetzt (weil die Zeit je drängt) Verzichten und Nachhaltigkeit als einzige Metalösung sehen, möchten mit den CO2-Emmissionen auch gleich die ganze Menschheit vom Planeten kicken: „Nehmen wir andere große Brocken klimaschädlicher Aktivitäten wie Ernährung und Wohnen.“ (S. 184) Keine Frage: Atmen war schon immer klimaschädlich, Wohnen auch. Hier kommen die menschenfeindlichen Theorien der Altökos der 1980er Jahre wieder durch. Und genau diese Selbsteskamotierung der Menschen aus der Krisenwelt wird nicht funktionieren. Leggewie/Welzer arbeiten viele Zahlen und Konzepte auf. Sie sprechen auch von einer großen Transformation. Aber dass wir dafür eine neue Produktionsintelligenz brauchen (Cradle-to-cradle, Returnity, das ist ihnen dabei nicht untergekommen. Ich habe in einem Zukunftsszenario für Spiegel-Online kürzlich auf den Ausweg einer digitalen und neo-ökologischen Wirtschaftsordnung hingewiesen. 


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