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02

Okt

2009

Kleines Wunder im Kultur-Marketing: Opera digital, das Internet reanimiert eine verstaubte Kunstform

Wirklich relevante Kultur setzt sich Massen aus und erreicht Massen. Keine Frage: Die Segnungen des Internet führen dazu, dass aus einer elitären Bildungsbürgerkultur wieder ein Massenvergnügen wird. Wir beginnen jetzt so langsam festzustellen, dass Kunst in der digitalen Ausstrahlung vielerorts wieder die alten Wahrnehmungssituation herstellt: Opern nicht nur hören, sondern hören und sehen. Dabeisein (wenn auch medial) statt der Krücke eines Tonträgers. Das Netz führt in vielen kulturellen Bereichen zu einer Re-Popularisierung von Ästhetik - Volkskultur reloaded, Volkskultur, die der Masse Weltklassekultur zugänglich macht. Ein schönes Beispiel hierfür: Seit 2006 überträgt die New Yorker Metropolitan Opera ihre Aufführungen in Kinos. Das Ziel: die Erweiterung der Zielgruppe. Im ersten Jahr strahlte die Met sechs Produktionen in insgesamt 98 Lichtspielhäusern aus, 325.000 Menschen schauten Oper im Kino. Im darauf folgenden Jahr wurden bereits acht Produktionen für 935.000 Menschen ausgestrahlt. Weltklasse-Kultur in neuen Vertriebskanälen erwies sich als next big thing.

Wer weiß in zehn Jahren noch, was "Tonträger" sind, dafür boomt die Oper 2.0 Wer weiß in zehn Jahren noch, was "Tonträger" sind, dafür boomt die Oper 2.0

Im Jahr 2008 wurden elf Produktionen via Kino in 28 Ländern dargeboten, wobei rund 1,2 Millionen Menschen zuschauten, rund 10.000 Zuschauer für jede einzelne Produktion. Die Metropolitan Opera selbst kann pro Produktion nur 3.700 Opernfreunde vor Ort im Theater in den Genuss der Aufführungen kommen lassen.

 

Von der verstaubten Elitekultur zur Massenkultur mit Niveau

Die Berliner Philharmoniker haben diesen neuen Vertriebskanal jetzt ebenfalls entdeckt und starten mit ihrer Digital Concert Hall in ein neues Zeitalter der Musikübertragung: Alle Konzerte werden live über das Internet übertragen und im Archiv der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Digital Concert Hall ist ein Projekt, das in der klassischen Musik beispiellos ist. Der einzige Ansatz in dieser Richtung war bisher eine Übertragung aus Bayreuth im vergangenen Jahr, allerdings in mäßiger Übertragungsqualität und zum stolzen Preis von immerhin 49 Euro. Ein Besuch im digtalen Konzertsaal der Berliner Philharmoniker ist im Vergleich dazu eher preiswert: 9,90 Euro kostet ein Konzert. Verglichen mit den Eintrittskarten ist das ein Spottpreis, dafür könnte man nicht einmal das Taxi oder den Babysitter bezahlen. 

 

Das Youtube-Sinfonieorchester

Dass die Philharmoniker bald in einem leeren Saal auftreten, ist wohl nicht zu befürchten. Statt dessen hatten sie schon bei den ersten Konzerten statt der üblichen 2.440 Zuhörer 5.000 Zuhörer. Es dürften noch mehr werden. Aber die Philharmoniker gehen in ihrer Öffnung dem Medium gegenüber noch weiter: Sie unterstützen das Youtube Symphony Orchestra. Youtube hat alle Musiker der Welt eingeladen, sich mit einem Bewerbungsvideo für das erste „virtuelle Online-Orchester“ zu bewerben. Die Berliner Philharmoniker und Stars wie der Pianist Lang Lang unterstützen das Projekt mit Publicity und Online-Meisterklassen.

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