Do

01

Okt

2009

Bewusstseinsindustrie 2.0: Online-Boom killt nicht die bildungsbürgerliche Kultur, sondern stimuliert sie. Viele Beispiele und eine These

Die Digitalisierung von Inhalten und von Kultur hat dazu geführt, dass aus Rezipienten aktive Nutzer wurden. Nächster Schritt: Je mehr eine bürgerliche Veranstaltung wie Literatur über digitale Systeme vertrieben wird, umso mehr wird zu (wieder) zu einer kollektiven Angelegenheit. Wising Up: Digitalisierung macht aus einer Elitekultur (die sich an das Medium Buch knüpfte) eine neue Massenkultur. Seit Alex Kapranos, Autor, Dichter und Sänger der schottischen Pop-Band Franz Ferdinand, einen eigenen Literaturzirkel pflegt, ist im Vereinigten Königreich das schöngeistige Lesen in geselliger Runde wieder angesagt. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels kann sich nicht auf konkrete Zahlen berufen, vermutet aber in jeder größeren Gemeinde hierzulande einen Lesezirkel. In Berlin zu erstaunlicher Bekanntheit gelangt ist der „Literarische Salon“ von Britta Gansebohm

der an die Traditionen aus dem 18. und 19. Jahrhundert anknüpft, als sich in erster Linie Frauen über die Lektüre von Aufklärungsliteratur zu emanzipieren begannen. 

Auch heute, das hat die Tageszeitung „Die Welt“ (15. Juli 2008) herausgefunden, sind es fast ausnahmslos Frauen, die sich deutschlandweit in den intellektuellen Zirkeln tummeln und fortbilden, Männer gehören definitiv zur Minderheit.

  • Volksliteraturpreis: In Großbritannien gibt es einen hoch angesehenen Literaturpreis, der von den Literaturclubs vergeben wird, das „Reading Group Book of the Year“. Die Lese-Clubs des Königreichs tragen solche beziehungsreichen Namen wie „VIP Reader’s Group“ (Kent), „The Rugely Book Club“ (Staffordshire) oder „The Book Groupies“ (Lincoln).
  • Rückkehr der Fernsehstuben: In Deutschland macht die kollektive Rezeption nicht nur von Fußballübertragungen immer mehr Schule. Auch der TV-Kultkrimi „Tatort“ wird vor allem in München, Hamburg und Berlin von eingefleischten Fans gemeinsam in Szene-Kneipen mitverfolgt.
  • Öffentliche Hörspielabende: In der Hamburger „Pony Bar“ oder in der „Barbarabar“ flimmern auch Kindheitsklassiker wie „TKKG“, „Die drei ???“ oder „Monaco Franze“ über die Leinwände. Bei Hörspielabenden in der „Barbarabar“ gibt es die nostalgische Ahoi Brause gratis dazu (in Tütchen natürlich).
  • Diskutieren wird Volkssport: Diskussionsclubs (nein, ausschließlich in der Offline-Welt!) brechen auf der Insel gerade aus allen Nähten. Sie heißen School of Life oder Intelligence Squared und schließen eine Lücke zwischen Erwachsenenbildung und Akademiker-Zirkel. Bis zu 800 Menschen finden sich zu Themen wie „Muss Sex käuflich sein“ zusammen. Früher mussten die Organisatoren Passanten und Gammler einladen, um die Räume zu füllen. Heute präsentiert sich School of Life im Stil eines Design-Wohnzimmers.

Ausblick und Trendprognose: Die Gründe für diese Entwicklungen sind keineswegs trivial, sie lassen sich aber auch nicht auf einfachem Wege herausfinden. Offensichtlich ist: Klassische Bildungsbürgerkultur wird in den nächsten zehn bis 20 Jahren nicht – wie von vielen Kulturpessimisten erwartet – von der Bildfläche verschwinden. Und mehr noch: Klassische Kultur bedient nicht nur Bildungsbürger und ergraute, solvente Bestager. Klassische Kultur ist auch keine Veranstaltung (mehr) für passive Konsumenten, wie der Boom um die Buch-Clubs zeigt. „Die Lust ist ungebrochen“, sagt Klaus Zehelein, Präsident des Deutschen Bühnenvereins. Mehr als 4,5 Millionen Menschen besuchten in der Spielzeit 2005/2006 Opernaufführungen in Deutschland, gut 5,4 Millionen ein Schauspiel, 1,4 Millionen ein Ballett und etwa ebenso viele ein Konzert. Die Zahlen sind, ungeachtet mancher Diskussionen um die vermeintliche „Generation Doof & Digital“, stabil.

 

Und wer hätte das gedacht: Die vermeintlichen PISA-Opfer stellen sich als durchaus kulturbeflissen heraus. „Das Kinder- und Jugendtheater profitiert von der aktuellen PISA-Debatte“, sagte Henning Fangauf, Organisator des „Frankfurter Autorenforums“ und stellvertretender Leiter des Frankfurter Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland (KJTZ). Bei den Eltern ist das Bewusstsein für die Bedeutung des Lesens – und damit auch des Theaterbesuchs – gewachsen. Und auch die großen Theater reagieren: In den vergangenen Jahren wurden von vielen Schauspielhäusern eigene Kinder- und Jugendtheater-Sparten eingerichtet, zuletzt bei den Theatern in Hamburg, Hannover und Bochum.

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