Sa

26

Sep

2009

Next Society: Wie wir uns eine neue Wirtschaft vorstellen und was das morgen für die Wahl bedeutet, 4 Ergebnisse und eine Prognose

Das Ergebnis unserer Szenariobefragung darf zweifellos nicht als repräsentativ genommen werden (bitte weiter abstimmen). Spiegel-Leser und Afficionados des Zukunftsinstituts bilden definitiv nicht die Querschnittbefindlichkeit der Deutschen ab. Hier finden sich eher die gesellschaftlich Aktiven, politisch Interessierten, die besser Gebildeten und gut Verdienenden. Es sind aber auch viele darunter, das entnehme ich den mehr als 100 Kommentaren zum Szenario, die – ob beruflich angetrieben oder privat motiviert – über Zukunft und Veränderung nachdenken. Ich bin überzeugt, dass viele von denjenigen, die auf Spiegel Online oder auf www.zukunftsinstitut.de abgestimmt haben, intensiv und ernsthaft über das Schicksal der Menschheit in einer globalen, von Klimawandel herausgeforderten Welt nachdenken.

1. Das Vertrauen in eine grün-digitale Moderne ist groß, aber...

Ich finde ich es begrüßenswert, dass die Mehrheit derjenigen, die über unsere vier Zukunftsszenarien abgestimmt haben, sich eine grün-digitale Wirtschaft und Gesellschaft wünschen, genau 38,4 % der bis jetzt insgesamt 320 Wähler in unserem Szenario halten den Weg in ein Business 3.0 für erstrebenswert, das nach öko-sozialen Grundlagen neu gedacht werden muss, aber durchaus auf eine weitere Dynamisierung der Wirtschaft setzt und zumal Innovation und Wachstum zu Grundvoraussetzungen für eine postfossile Gesellschaft erklärt. Damit steht fest: Mehr als ein Drittel aller Befragten halten das Modell Greenomics für den richtigen Schritt in die Zukunft. Eine neue Wirtschaftsordnung, die Innovation ab jetzt unweigerlich an eine ökosoziale und nachhaltige Produktionslogik knüpft, ist das Konzept, das die Mehrheit bevorzugt. Nebenbei bemerkt entspricht diese Zahl in etwa dem Prozentsatz der Anhänger des LOHAS-Lebensstils, der mittlerweile in unzähligen Umfragen und Marktforschungen untersucht und repräsentativ erforscht worden ist.

 

2. Ein „Zurück-zu“ ist für die überwiegende Mehrheit ausgeschlossen

Die „sanfte“ Alternative zu einem Aufbruch in eine grün-digitale Wirtschaftsordnung, nämlich eine entschleunigte Nachhaltigkeits-Ökonomie, ist für die Leser von Spiegel Online und Zukunftsinstitut tatsächlich kein konkurrenzfähiges Gegenmodell. Tatsächlich ist dieses Modell von der Mehrheit derjenigen, die auf unseren Seiten abgestimmt haben, als Utopie wahrgenommen worden, für die es einstweilen (und auf absehbare Zeit) keinen Ort auf dieser Welt gibt. Nur 12,2 % wünschten sich dieses Konzept als Leitlinie für die Wirtschaft in den nächsten rund vier Jahren. Das heißt aber auch, die epochale Herausforderung des Klimawandels und eine daraus abgeleitete Neuorientierung in der globalen Ökonomie funktioniert – für die Mehrheit der Befragten – nicht über das große Ausstiegsszenario und das große „Zurück-zu“. Greenomics wird von der Mehrheit als weiterer unverzichtbarer Schritt hin zu einer Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft gesehen – wobei Modernisierung vor allem ökologische Adaptierung an ein grundlegend neues Modell der Wertschöpfung und des Ressourcen-Managements bedeutet. Es gibt keine Alternative zur kapitalistischen Wertschöpfung – aber es ist auch klar, dass wir ohne eine neue Produktionsintelligenz nicht mehr weitermachen können. 

 

3. Visionsloser Verwaltungskapitalismus findet kaum Zustimmung

Eine weitere, wie ich finde, erfreuliche Erkenntnis, die wir aus dem Szenarioergebnis ablesen können: Die visionslose Vision eines Staatskapitalismus 2.0, der die Wirtschaft an der kurzen Leine hält und quasi planwirtschaftlich für mehr konjunkturelle Sicherheit sorgen könnte, hat die Abstimmenden kaum interessiert. Oder genauer: Nur 14 % halten diesen Zukunftsentwurf für wahrscheinlich – die überwiegende Mehrheit der Befragten hält eine Bigbrother-Ökonomie auf jeden Fall nicht für wünschenswert. Dass die Deutschen Angst vor einer entsolidarisierten Gesellschaft haben und viele um ihren Halt im Mittelstand fürchten, ist eine Tatsache. Ebenso jedoch auch, dass das Pampern der Wirtschaft durch den Staat keine Lösung sein kann. CDU und SPD sind dafür bei den jüngsten Landtagswahlen bitter bestraft worden.

 

4. Läuterung ist schön – ein Innovationsschub wäre wichtiger

Das Szenario eines Rheinischen Retro-Kapitalismus hat für mich eigentlich für die größte Überraschung gesorgt. Es gibt momentan viele Stimmen in unserer Gesellschaft, die eine kurze Besinnung und eine selbstbewusste Reformstrategie für den goldenen Mittelweg halten. Diese Äußerungen lassen sich vernehmen entlang einer Bandbreite von gemäßigten Gewerkschaftlern bis tief in die Reihen der FDP hinein. Für einen geläuterten Kapitalismus haben sich 35,4 % aller an der Szenarioabstimmung beteiligten ausgesprochen. Was mich erstaunt, ist nicht, dass in diesem Traditionalisten-Szenario tatsächlich ein Grundvertrauen in die Marktwirtschaft vorherrscht. Was mich erstaunt, ist, dass Wachstum für viele offenbar ohne eine neo-grüne Innovationsanstrengung vorstellbar ist. Ein rheinischer Retro-Kapitalismus – offensichtlich hat auch die leicht ironisch getönte Formulierung viele Befragte nicht abgeschreckt – steht schon für ein klares Weiter-so – im Umgang mit der Umwelt, in der Einschätzung dessen, was qualitatives Wachstum ist usw. 

 

Prognose: Wir bekommen das, was vernünftig ist, aber nicht das, was notwendig wäre

Hieraus möchte ich meine Prognose für die Wahl am morgigen Sonntag ableiten. Die Ergebnisse unseres Szenarios aber auch eine Vielzahl anderer Wählerbefragungen der letzten Wochen und Monate und gerade die aktuelle Allensbach-Befragung zeigen, dass wir längst zu einer pragmatischen Republik geworden sind. Ich finde es nur zeitgemäß, dass wir Politik (und daraus abgeleitete Entscheidungen für die Wirtschaft) weniger ideologisch treffen als wir das noch vor zehn Jahren getan haben. Es gibt diese Lager- und Bekenntnisparteien einfach nicht mehr, der Wähler fordert zielorientiertes Handeln, keine wolkigen Versprechen einer besseren Welt. Und das ist auch gut so. Mit der Formulierung eines geläuterten Kapitalismus kann sich deshalb in Deutschland eine Mehrheit abfinden (vielleicht sogar identifizieren). Im Wahlkampf hat sich dieser Pragmatismus in einem faktischen Anti-Wahlkampf manifestiert. Der Slalomlauf beider Protagonisten, Merkel wie Steinmeier, hat sich aus der Legislaturperiode einfach in den Wahlkampf fortgepflanzt: dort eine leichte Distanzierung vom Vernunftpartner, hier ein paar Seitenhiebe und dann auch wieder einmal ein bisschen Eigenprofilpflege...

 

Es sieht so aus, als würden morgen noch weniger Wähler als vor vier Jahren ihre Stimme für weitere vier Jahre große Pragma-Koalition abgeben. Die großen, ehemaligen Volksparteien haben Anti-Wahlkampf geführt und die kleinen Parteien sind zum Nischenwahlkampf und der Eigenprofilpflege angetreten. Es wäre wichtig, wenn wir durch die Wahl morgen eine neue Aufbruchs-Allianz in ein neugrünes Zeitalter schmieden könnten. Die Herausforderungen in diese Richtung drängen und es geht auch darum, dass Deutschland seinen Spitzenplatz in den Zukunftstechnologien in den nächsten Jahren sichern kann. Dabei hilft jedoch kein vernünftelnder politischer Pragmatismus. Eine Regierungsoption in neuen Koalitionen (sei es nun Jamaika oder Ampel oder Rot-grün bzw. Schwarz-grün) könnte diesem so wichtigen Aufbruch mehr Schwung verleihen. Doch am Montag werden wir uns pragmatisch auf dem Boden der Realität wiederfinden und uns über weitere vier Jahre „Steinmerkelei“ beklagen können. Wetten?

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