Do
17
Sep
2009
Deutschland 2014: 4 Szenarien des Aufbruchs, in welche Richtung marschiert die Wirtschaft, marschiert unsere Gesellschaft
Stimmen Sie ab, wohin geht es in den nächsten vier Jahren in Wirtschaft und Gesellschaft »
1. Geläuterte Industrie-Ökonomie: Rheinischer Retro-Kapitalismus
„Die Rückkehr zur ökonomischen Vernunft“
Nachdem wir den Bodensatz der Konjunktur erreicht haben, findet ein Schulterschluss zwischen bis vor kurzem noch konträren Interessensgruppen statt. Mehrheiten aus der FDP, der SPD, dem Arbeitgeber-Flügel der CDU und sogar ein hoher Anteil von Gewerkschafts-Traditionalisten beschwören den Konsens der 1970er Jahre herauf. Die Gewerkschaften sitzen beim Regieren mit am Tisch. Eine große Allianz der vernünftigen Pragmatiker geißelt die „Schuldenakrobaten“ (Sloterdijk) und den „Pumpkapitalismus“ (Dahrendorf). Ein Grundsatz dieses Zukunftsentwurfs: Ein selbst aufgeklärter Kapitalismus hält nichts von Panik- und Zurück-zu-Ökonomie, es gilt, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und das freie Spiel der ökonomischen Kräfte unter klar definierten Spielregeln stattfinden zu lassen.
Das Wachstumskonzept: Machbare Innovationen
Es besteht breiter Konsens darüber, dass technologischer Fortschritt nicht auf Kosten von mehr Arbeitslosigkeit gehen darauf. Aus den Fehlern des Bankencrashs muss die Schlussfolgerung gezogen werden, dass sich die Finanzdienstleister nicht von der Realwirtschaft entfremden dürfen. Innovationen, gerade Neuentwicklungen im Sektor der alternativen Energien, sind als subventionsschwangere Neuerer in der Beweisnot. Dass es ein ökologisches Umdenken geben muss, ist unbestritten, aber Wachstumspotenziale werden in erster Linie von den klassischen Branchen erwartet, die sich den Anforderungen des globalen Marktes und des Klimawandels anzupassen haben.
2. Die neogrüne Digital-Ökonomie: Greenomics
„Das Jahrhundertabenteuer Green Shift“
Ökologisches Bewusstsein, eine rationale Einschätzung der Klimathematik und Enthusiasmus für Zukunftstechnologien beherrschen dieses Szenario. Greenomics macht sich beherrscht an die Transformation des ressourcenverschleudernden Industriekapitalismus. Wohlstand und Fortschritt können im 21. Jahrhundert nur durch einen „Green Shift“ gewährleistet werden. Das heißt aber, dass mittelfristig kein Stein mehr auf dem anderen bleiben wird, denn es geht um die Gestaltung einer neoindustriellen Produktionslogik, bei der schlechterdings keine Ressourcenverschwendung mehr stattfindet. Die Klügsten und Kreativsten werden in den nächsten zehn bis 20 Jahren an einem grünen Technokapitalismus arbeiten, der intelligenter als die Economies of Scale ist, nicht zuletzt weil er die Segnungen der digitalen Kommunikation zu nutzen versteht. Wohlstand wird aus Wissen gewonnen, und das wiederum macht die digitalen Informationskanäle zur Grundmatrix für jeden Fortschritt.
Das Wachstumskonzept: Neogrüner Turbokapitalismus
Green Dotcom, die bereits anlaufende kreative Durchdringung der Wachstumsbranchen Neo-Ökologie und Digitalwirtschaft wird in den nächsten zehn Jahren den Aufschwung entscheidend prägen. Das Silicon Valley wird zur Keimzelle dieser Entwicklung, denn ohne das chemische Element Silicium sind sowohl Computer- als auch Solarindustrie nicht vorstellbar. Innovationen werden in Zukunft nur noch grüne Innovationen sein, oder sie werden sich in globaler Perspektive nicht als Innovationen durchsetzen. Die epochale Herausforderung besteht darin, eine neue Produktionslogik, die Müll als Nahrung ansieht und in erweiterten Kreisläufen denkt, in möglichst jeder Branche zu installieren. Wachstum generieren in erster Linie neogrüne oder digitale Innovationen. Und das nicht deshalb, weil grün und digital chic ist: In spätestens zwei Jahren wird sich herausstellen, dass das Ergrünen der Märkte die ultima ratio angesichts eines sich forcierenden Klimawandels ist. Das Internet hat sich bis dahin zum Leitmedium der 10er und 20er Jahre entwickelt, weil es Community, Kommunikation und Kommerz in Einklang gebracht hat. Das amerikanische Modell der „Disruptive Innovation“ weist den Weg: Nicht die clevere Belieferung eines vorhandenen Marktes (immer mehr CDs für den CD-Markt) sorgt für künftigen Wohlstand, sondern ein technologischer Durchbruch wie beispielsweise der iPod oder das iPhone definiert die Marktgesetze von Grund auf neu (iPod beendet die CD-Ära und die Ära der Tonträger überhaupt).
3. Bigbrother-Ökonomie: Sozialstaat 2.0
„Der weise Staatskapitalismus“
Der neo-autoritäre Staat übernimmt zumindest mittelfristig die Oberaufsicht über Schlüsselbranchen und -unternehmen. Die Einführung einer Kredithebel-Grenze schreibt den Banken eine absolute Obergrenze für das Verhältnis von Eigen- und Fremdkapital vor, Gewinnchancen werden damit dauerhaft auf einen festen Level begrenzt. Banken dürfen nicht mehr unbegrenzt wachsen, um nicht wieder „to big to rescue“ zu werden. Allen voran den Bankern, aber auch andere Spitzenkräften werden klare Lohngrenzen und deutliche Transparenzanforderungen auferlegt.
Das Wachstumskonzept: Wohlstand bringt Stabilität
Nur wenn die Arbeitnehmer und Verbraucher nachhaltig gestützt werden, lässt sich Wachstum garantieren. Wachstum und der nächste Aufschwung dürfen deshalb nicht mehr an den Menschen vorbeigehen. Die Herausforderung der nächsten Jahre besteht darin, wieder mehr Menschen am Wohlstand zu beteiligen und durch kluge Konjunkturprogramme für ein stabiles Nachfrageklima zu sorgen. Auch wenn Vollbeschäftigung eine Utopie bleibt, kann nur eine sozialverträgliche Balance-Ökonomie mit einem relativ krisensicheren Arbeitsmarkt die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bewältigen. Dafür braucht es die überparteiliche Aufsicht des Staates und die Integrität und den Mut der Industrien. Fortschritt darf nicht Rückschritt bedeuten, aber nur durch die Beschränkung auf das Wesentliche lässt sich Zukunft planen.
4. Die grünmoralische Entschleunigungs-Ökonomie: Verzichts-Kapitalismus
„Die grüne Mittelstandswirtschaft“
Wir haben den Planeten über Gebühr belastet und müssen schnellstens weitere fatale Konsequenzen der Klimakatastrophe verhindern. Bevor es zu spät ist, muss das überhitzte ökonomische System gebremst werden. Für jeden Haushalt wird eine CO2-Bilanz errechnet und es gibt Kontingentierungen bei der Mobilitätsnutzung (Auto, Flugzeug).
Das Wachstumskonzept: Fortschritt im ökosozialen Gewächshaus
Bedingungsloses Wachstum ist kein Wert an sich mehr. Die Entschleunigungs-Moral-Ökonomen richten ihre Strategien nach dem Grundsatz „Wachstum-wozu“ aus. Am Beispiel der erneuerbaren Energien lässt sich aufzeigen, dass „Gutes und Richtiges“ zu tun auch zu Wohlstand und Wachstum führt. Und: Dass vorausschauende Subventionspolitik Zukunftsbranchen häufig erst zu entwickeln vermag. In einer funktionierenden Zukunftsökonomie werden das natürliche Schwanken der Konjunktur und die lange Anlaufzeiten für Innovationsprojekte in einer Wachstumsstrategie integriert. Damit erhalten Schlüsseltechnologien und -märkte die Möglichkeit, nachhaltig und beschützt zu wachsen.
